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Aufsatz: „von Deutschen im deutschen Namen“. Adenauer und das Narrativ der Mitte

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VOLKER WILD & JAN FERDINAND

Einleitung

Das Ende des Zweiten Weltkrieges stürzt die deutsche Gesellschaft in eine tiefe Identitätskrise. Der Untergang des Reiches, die Spaltung des Landes, die Städte in Trümmern, Millionen Gefallene und Vertriebene, das Wissen um die Verbrechen des Nazireiches, auf der anderen Seite Hass und Verachtung des Auslandes, – all das stellt die Deutschen[1] vor die Frage, wer sie sind und was mit ihnen und ihrem Land werden soll. Vor diesem Hintergrund wird Konrad Adenauer zur wichtigsten politischen Bezugsfigur der westdeutschen Bevölkerung. Ohne selbst Schöpfer des Narrativs zu sein, das von vielen führenden Vertretern des öffentlichen Lebens geteilt wird, wird er doch zum einflussreichsten Repräsentanten einer historischen Erzählung, die dem Selbstverständnis breiter Teile der Nachkriegsgesellschaft entgegenkommt.[2] Mit Adenauer können sich die Bundesbürger einbilden, Deutschland knüpfe wieder an die Zeiten vor Hitler an. Er kommt dem allgemeinen Bedürfnis, sich von der Hitlerzeit zu distanzieren, auch insofern entgegen, als bekannt ist, dass er im NS verfolgt wurde. Sein Einfluss auf das damalige Selbstverständnis der Deutschen kann kaum überschätzt werden.

So sehr Adenauer die NS-Zeit aus den öffentlichen Debatten herauszuhalten versucht, bezweifelt er doch nicht, dass die Verbrechen geschehen sind. Er schreibt sie aber nicht den Deutschen, sondern Hitler zu. Sie seien „von Deutschen im deutschen Namen“ begangen worden, also nicht von „den Deutschen“, sondern nur „in ihrem Namen“, so als sei Hitler nicht auf eine breite Zustimmung und Mitwirkungsbereitschaft der Deutschen gestoßen. Deren Mitschuld an der Herrschaft und den Verbrechen Hitlers spaltet Adenauer ab, um Deutschland von der Schande der Nazizeit zu befreien und seine historische Geltung als Großmacht wiederherzustellen. Dieses Narrativ kann als Narrativ der Mitte bezeichnet werden, insofern es dem Denken der breiten Mitte der deutschen Gesellschaft entgegenkam.

Eine explizite und umfassende Analyse der Entwicklung von Adenauers Narrativ in Auseinandersetzung mit zentralen Reden über die gesamte Nachkriegszeit bis zu seinem Tode 1967 ist bisher nicht vorgelegt worden. Analysen von einzelnen Reden sind entweder in übergeordnete, vergleichende oder spezifische Untersuchungszusammenhänge eingebunden. Keine dieser Untersuchungen geht davon aus, dass Adenauers wechselnden politischen Äußerungen ein im Kern konsistentes historisches Narrativ gemeinsam ist.[3] Die Untersuchung basiert auf der Sichtung und Auswertung so gut wie aller veröffentlichten Briefe, Reden, Ansprachen, Interviews, Artikel und sonstiger Veröffentlichungen Adenauers seit 1945, dazu auf bisher unveröffentlichten Dokumenten.[4] Dabei wird unterschieden zwischen öffentlichen Äußerungen Adenauers einerseits und persönlichen Äußerungen gegenüber Privatpersonen andererseits. Wie sich die in der unmittelbaren Nachkriegszeit sichtbare Diskrepanz zwischen öffentlichen und privaten Äußerungen im Laufe der folgenden Jahre wandelt, wird Gegenstand der Untersuchung sein.

Um eine sinnvolle Auswahl der Texte zu treffen, werden verteilt über den ganzen Zeitraum von zwanzig Jahren vier historische Schnittpunkte festgelegt, an denen Adenauers Haltung zur deutschen Vergangenheit in besonderer Weise deutlich wird, so dass es möglich ist, die Äußerungen in ihrem Gesamtverlauf zu rekonstruieren. Ausgewählt wurden die ersten zehn Monate nach Kriegsende 1945/46, in denen sich Adenauer deutlich zur Schuld des deutschen Volkes äußert. 1949 bis 1953, in seiner ersten Amtszeit als Bundeskanzlers, versucht Adenauer die Vergangenheit „abzuschließen“. Dazu werden seine erste Regierungserklärung 1949 und seine Wiedergutmachungspolitik untersucht. 1959/60 zwingt die Schändung jüdischer Einrichtungen Adenauer dazu, sich öffentlich zum Antisemitismus zu äußern. 1966 besucht der Altkanzler Israel. Die Reise dient der Bilanzierung seines Lebenswerks und gibt Einblicke in die Zusammenhänge seines Geschichtsnarrativs frei.

Die Freilegung des Bedeutungsgehalts von Adenauers Äußerungen zur deutschen Geschichte und deren Einordnung in das Gesamtgefüge seines Geschichtsbildes steht im Vordergrund der Untersuchung. Seine entsprechenden Stellungnahmen müssen – ganz gleich, welchen taktischen, der jeweiligen Situation geschuldeten Kalkülen sie folgen – als wesentlicher, durchaus eigenständiger Bestandteil seines politischen Handelns untersucht und bewertet werden. Die Rückführung von Äußerungen auf Motive und Intentionen des Kanzlers bleibt dagegen weitgehend im Hintergrund. Sie beschränkt sich auf die oft weltanschaulich grundierten Motivlagen, die seinen Stellungnahmen langfristig die Richtung geben.

Die vorliegende Studie versteht sich als Beitrag zur Rekonstruktion der geistigen Grundlagen der Politik der Adenauerzeit und speziell der Vergangenheitspolitik, wie sie vor allem Norbert Frei untersucht hat, und der Wiedergutmachungspolitik Adenauers, wie sie unter anderem von Constantin Goschler beschrieben worden ist.[5]

 

Kapitel 1: Schuld und Wiederaufbau

Erste Reden nach Kriegsende. Der Custodis-Brief

Bereits im Mai 1945 wird Adenauer von der amerikanischen Militärregierung wieder in sein altes Amt als Oberbürgermeister von Köln eingesetzt. Seit Sommer 1945 ist er politisch im Rahmen der sich aus verschiedenen regionalen Initiativen neu gründenden CDU aktiv. Am 1. Oktober hält er vor der Kölner Stadtverordneten-Versammlung eine Rede, in deren Mittelpunkt der Appell zu harter Arbeit zum Wiederaufbau der Stadt steht. In einem Brief an den Jugendfreund Custodis vom 23. Februar 1946 nimmt er zur Mitschuld der Deutschen an den Verbrechen des NS-Regimes Stellung. Am 1. März 1946 wird er zum Vorsitzenden der neuen Partei für die Britische Zone gewählt. In dieser Funktion hält er seine erste große Rede am 24. März 1946 vor etwa 4000 Zuhörern in der Aula der Kölner Universität.

In seiner Rede an die Stadtverordneten beschreibt Adenauer die „apokalyptischen Zustände“ und das „unbeschreibliche Elend“, in das der Krieg die Bewohner Kölns gestürzt hat, und lobt den „Mut und das Vertrauen“, mit dem die Bevölkerung sich auf den „harte[n] und steinige[n] Weg“ des Wiederaufbaus gemacht hat, um „sich eine neue Existenz zu schaffen“[6]. Dann fährt er fort:

Schuld an diesem namenlosen Jammer, an diesem unbeschreiblichen Elend sind jene Fluchwürdigen, die in dem unseligen Jahre 1933 zur Macht kamen, jene, die den deutschen Namen vor der ganzen zivilisierten Welt mit Schmach bedeckt und geschändet haben, unser Reich zerstörten, die unser verführtes und gelähmtes Volk […] in das tiefste Elend gestürzt haben.[7]

Adenauer stellt hier dem „verführten und gelähmten Volk“ die „Fluchwürdigen“ gegenüber. Im Verständnis des gläubigen Katholiken sind die Fluchwürdigen die Teufel, von Gott abgefallene Engel, keine menschlichen Wesen, sondern Ausgeburten der Hölle. Adenauer deutet damit den Nationalsozialismus als ein Geschehen außerhalb menschlicher Verantwortung. Als Verführte sind die Deutschen im katholischen Verständnis Opfer des `Verführers´, deren Sünden als lässlich gelten.[8] Auffällig an der Stelle ist, was Adenauer den Fluchwürdigen zur Last legt. Sie haben das Deutsche Reich zerstört und „den deutschen Namen vor der ganzen zivilisierten Welt mit Schmach bedeckt und geschändet“ Adenauer sieht auf die Verbrechen mit deutschen Augen, nicht mit denen der Opfer. Er denkt hier schon in Kategorien staatspolitischer Kontinuität, an die Wiederherstellung des Reiches und der Ehre der Nation.

Vier Monate nach der Rede vor den Stadtverordneten schreibt Adenauer an seinen Jugendfreund, den katholischen Pfarrer Bernhard Custodis. Mittlerweile hat der Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg begonnen und die Schulddiskussion Deutschland erreicht.[9] Karl Jaspers Heidelberger Vorlesungen zur Schuldfrage sind in diesen Debatten ein wichtiger Anstoß, möglicherweise auch für Adenauer.[10] In dem Brief an den Freund bekennt er sich in einer Deutlichkeit zur Schuld des deutschen Volkes, wie sie in seinen späteren Äußerungen nicht zu finden ist:[11]

Nach meiner Meinung trägt das deutsche Volk […] eine große Schuld an den Vorgängen in den Konzentrationslagern. […] Das deutsche Volk [ist] auf die nationalsozialistische Agitation eingegangen. Es hat sich fast widerstandslos, ja zum Teil mit Begeisterung […] gleichschalten lassen. Darin liegt seine Schuld. Im übrigen hat man aber auch gewusst – wenn man auch die Vorgänge in den Lagern nicht in ihrem ganzen Ausmaße gekannt hat -, […] daß in den Konzentrationslagern große Grausamkeiten verübt wurden, daß die Gestapo, unsere SS und zum Teil auch unsere Truppen in Polen und Rußland mit beispiellosen Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung vorgingen. Die Judenpogrome 1933 und 1938 geschahen in aller Öffentlichkeit.[12]

Adenauer wirft der deutschen Bevölkerung vor, sie habe die Verbrechen des Regimes geduldet, obwohl sie von ihnen gewusst habe. Sie habe sich widerstandslos, zum Teil sogar mit Begeisterung gleichschalten lassen. Strafrechtlich sind die Vorwürfe nicht relevant. Sie beziehen sich vielmehr auf das unter der Schwelle des Kriminellen liegenden politisch-moralische Versagen der Deutschen und auf die daraus resultierende Schuld. Es ist die eigentliche, bis heute nicht umfassend aufgeklärte Zone der Schuld der Deutschen, die von Begriffen wie „Mitläufertum“ oder „wegsehen“ mehr verdunkelt als erhellt wird. Die Deutschen, das legen Adenauers Ausführungen nahe, haben das Regime mit ihrer Begeisterung politisch legitimiert und mit ihrer Dienstbeflissenheit dazu beigetragen, dass die angesprochenen Verbrechen überhaupt möglich wurden. Hätte die Bevölkerung, so kann man aus den Andeutungen schließen, den Nazis die Loyalität entzogen, so wäre die Handlungsfähigkeit des Regimes möglicherweise eingeschränkt und ein Teil der Verbrechen verhindert worden. Wie radikal Adenauers Urteil ist, sieht man an dem, was er über die katholischen Bischöfe schreibt: Auch sie hätten, so Adenauer, Schuld auf sich geladen, denn sie hätten vieles „verhüten können. Das ist nicht geschehen und dafür gibt es keine Entschuldigung“. Es wäre „kein Schade“, wenn sie „ins Gefängnis oder in Konzentrationslager gekommen wären“.[13]

Der Schluss des Briefes enthält zwei Bemerkungen von programmatischer Bedeutung für die Entwicklung des Adenauerschen Narrativs. Hätte sich, so schreibt er, das deutsche Volk nicht dem Nationalsozialismus ausgeliefert, stünde es „vor dem Ausland und insbesondere vor der Nachwelt gerechtfertigter da“. Und zum Versagen des Klerus heißt es: „Alles das ist nicht geschehen und darum schweigt man am besten.“[14] Aus der Einsicht in die deutsche Schuld, die er so eindeutig nie wieder formulieren wird, zieht Adenauer den Schluss, man solle schweigen, um sich nicht in den Augen des Auslandes und der Nachwelt der Schande auszuliefern.

In der Rede in der Kölner Universität stellt Adenauer Grundzüge seiner Weltanschauung und des Programms der CDU dar. In diesem Rahmen geht es auch um die deutsche Vergangenheit. Dabei deutet sich bereits ein Abrücken von den Positionen des Custodis-Briefs an.[15] Adenauer spricht zwar noch von „Verbrechen über Verbrechen größten Ausmaßes“, aber schon nicht mehr von „Verbrechen des Volkes“, sondern nur noch „im selben Volk“. Abgeschwächt wird dieses Eingeständnis, indem der Schuld der Deutschen jene deutschen Eigenschaften wie „Tapferkeit und Pflichttreue“[16] gegenübergestellt werden, die auch bei den Nazis hoch im Kurs standen. Wie Adenauer das Verhalten der Deutschen in der elenden Lage, in der sie sich befinden, beschreibt, klingt wie eine Absolution:

Das deutsche Volk trägt diese schwerste Zeit seiner Geschichte mit heldenhafter Stärke, Ausdauer und Geduld, mit einer geduldigen Stärke, die stärker ist als alle Not. Ich habe mich seit 1933 oft geschämt, ein Deutscher zu sein, in tiefster Seele geschämt: vielleicht wusste ich mehr als manche andere von den Schandtaten, die von Deutschen an Deutschen [sic!] begangen wurden, von den Verbrechen, die an der Menschheit geplant wurden. Aber jetzt, jetzt bin ich wieder stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Ich bin so stolz darauf, wie ich es nie zuvor, auch nicht vor 1933 und nicht vor 1914 gewesen bin. Ich bin stolz auf den Starkmut, mit dem das deutsche Volk sein Schicksal erträgt, stolz darauf, wie jeder einzelne duldet und nicht verzweifelt, wie er versucht, nicht unterzugehen, sich und die Seinigen aus diesem Elend hinüberzuretten in eine bessere Zukunft.[17]

Es folgen lange Ausführungen zu den geistigen Ursachen der „Katastrophe“[18], die die Deutschen als Opfer der Verführung erscheinen lassen. Aus der Schuldgeschichte der Vergangenheit wird eine Geschichte von Opfern des Krieges und Helden des Wiederaufbaus, eine Umdeutung, die das deutsche Selbstverständnis noch lange Zeit nach 1945 bestimmte und die öffentlichen und privaten Narrative durchzog.

In den ersten Monaten nach Kriegsende ist das Bild, das Adenauer von der deutschen Vergangenheit und der Rolle der Deutschen entwirft, in seinen Grundzügen angelegt. Deutliche Unterschiede zwischen seinen privaten Äußerungen über den NS und die deutsche Schuld und – auf der anderen Seite – seinen diesbezüglichen öffentlichen Verlautbarungen zeichnen sich bereits ab. Adenauer hat feste Standpunkte, was jedoch nicht ausschließt, dass er seine Äußerungen dem jeweiligen Adressatenkreis anpasst. Seine im Custodis-Brief formulierte Maxime, zu schweigen, um „gerechtfertigter dazustehen“, wird bleiben und sich wenige Jahre später mit seiner Politik des Wiederaufstiegs Deutschlands zu einer der Großmächte Europas verbinden.[19]

Über den inhaltlichen Aspekt hinaus, welches Bild der deutschen Vergangenheit Adenauer in seinen ersten Stellungnahmen nach dem Krieg entwirft, sind die drei hier untersuchten Texte auch unter strukturellen Gesichtspunkten wegweisend. An ihnen zeigt sich das Grundmuster der Adenauerschen Narrativanlage und zwar in Form einer Entgegensetzung von Schlüsselbegriffen, für die die Verbindung von Scham und Stolz in der Kölner Rede beispielhaft ist. Sie erlaubt es, die Deutschen und ihre Schuld von den Nazis und ihren Verbrechen abzuspalten. Aus der immer weitergetriebenen Verknüpfung solcher binär aufgeladenen Begriffe, die schon immer ihr Gegenteil implizieren, bildet sich in den Folgejahren Schritt für Schritt Adenauers sich selbst bestätigendes Vergangenheitsnarrativ.

 

Kapitel 2: Die wirklich Schuldigen und die Unschuldigen

Die erste Regierungserklärung 1949

In seiner ersten Amtsperiode als Bundeskanzler 1949 bis 1953 versucht Adenauer die Vergangenheit zum Abschluss zu bringen.  Dazu gehört unter anderem die Aufhebung des Besatzungsstatuts, die Verständigung mit den Juden[20] über die Wiedergutmachung und, innenpolitisch, die „Vergangenheitspolitik“ (Frei), also die Amnestie für NS-Straftäter, die Freilassung der Kriegsverbrecher und die Reintegration der NS-Beamten. Im Zusammenhang mit diesen Projekten bildet sich bei Adenauer das Vergangenheitsnarrativ weiter aus.

In seiner ersten Regierungserklärung vom 20. September 1949 rückt Adenauer entschieden von der Position des Custodis-Briefes ab. Sprach er 1946 noch von der Schuld des deutschen Volkes und erinnerte er damit an die politisch-moralische Gesamtverantwortung des Gemeinwesens an den NS-Untaten, so stellt er jetzt in der Schuldfrage ausschließlich auf die strafrechtliche Schuld Einzelner an den Verbrechen ab.

Durch die Denazifizierung ist viel Unglück und viel Unheil angerichtet worden. (Sehr richtig! in der Mitte und rechts) Die wirklich Schuldigen an den Verbrechen, die in der nationalsozialistischen Zeit und im Kriege begangen worden sind, sollen mit aller Strenge bestraft werden. (Zurufe von der KPD.) Aber im Übrigen dürften wir nicht mehr zwei Klassen von Menschen in Deutschland unterscheiden: (Zustimmung rechts.) die politisch Einwandfreien und die Nichteinwandfreien. Diese Unterscheidung muß baldigst verschwinden. (Erneute Zustimmung)[21]

Krieg und Nachkriegszeit hätten, so Adenauer, eine so „harte Prüfung“ für viele gebracht und solche Versuchungen, dass man für „manche Verfehlungen und Vergehen Verständnis aufbringen“ müsse. Die Bundesregierung prüfe daher die Einführung einer Amnestie und wolle sich bei den alliierten Militärgerichten für die Amnestierung von Kriegsverbrechern einsetzen. Sie sei entschlossen, „dort, wo es ihr vertretbar erscheint, Vergangenes vergangen sein zu lassen, in der Überzeugung, daß viele für subjektiv nicht schwerwiegende Schuld gebüßt haben“.[22]

Adenauer erzählt in der Regierungserklärung eine Unschuldsgeschichte. Er leitet sie durch die Erinnerung an das `Unglück´ derjenigen Deutschen ein, die von den Alliierten wegen ihrer Rolle im NS zur Rechenschaft gezogen wurden. Dabei bedeutete die Entnazifizierung weniger für die Deutschen ein Unheil als für die Opfer, weil der Mord an Millionen Unschuldiger ungestraft blieb, wohingegen sich die Deutschen in der Regel als `entlastet´ sehen konnten.[23]

Für Adenauer gehören zu den wirklich Schuldigen die Mitglieder der NS-Regimeführung und die Angehörigen der Führungsebenen von Partei und Terrorapparaten, die er schon in seiner Rede vor den Kölner Stadtverordneten 1945 als „die Fluchwürdigen“ bezeichnet hat, dann aber auch die unmittelbar an der Ausübung der Verbrechen beteiligten Mörder und Totschläger, die „schon Vorstrafen gehabt und wirkliche Verbrechen begangen“[24] haben. Er betrachtet sie als `gewöhnliche´ Kriminelle. Adenauers Täterbegriffe sind Abwehrbegriffe, formuliert aus der Perspektive des bürgerlichen Milieus, dem er selbst angehört. Sie besagen im Umkehrschluss, dass die Angehörigen dieses Milieus vielleicht verführt wurden, aber nicht „wirklich schuldig“ geworden sind.

Mit dem zweiten Begriffspaar, auf das sich Adenauer in seiner Regierungserklärung bezieht, den „politisch Einwandfreien“ und den „Nichteinwandfreien“, wechselt der Kanzler die Perspektive von der Schuld zur Gesinnung. Bei den politisch Einwandfreien dürfte es sich um Personen handeln, die wie Adenauer vom NS Abstand hielten und der Partei nicht beitraten. Im Gegensatz dazu wird man sich die „Nichteinwandfreien“ als Gesinnungsnazis, als Mitläufer und Karrieristen vorstellen müssen. Und da sich Gesinnung strafrechtlich nicht sanktionieren lässt, gelten die „Nichteinwandfreien“ nach dem strafrechtlich begrenzten Schuldverständnis Adenauers als unschuldig.[25]  Damit hat Adenauer in der kurzen Spanne seit dem Custodis-Brief die poltisch-moralische Schuld des deutschen Volkes am NS und seinen Untaten aus seinem historischen Narrativ gestrichen.[26]

Nach seinen Ausführungen über die Amnestie geht Adenauer zur Frage des Rechtsradikalismus und Antisemitismus in der Bundesrepublik und damit zur Frage des Verhältnisses zu den Juden über.

Die Befürchtungen, meine Damen und Herren, die namentlich in der ausländischen Presse über rechtsradikale Umtriebe in Deutschland laut geworden sind, sind ganz bestimmt weit übertrieben. (Sehr richtig! rechts) Ich bedaure außerordentlich, daß durch Berichte deutscher und ausländischer Zeitungen Persönlichkeiten, indem man ihre ungezogenen Reden verbreitet hat, eine Bedeutung beigelegt worden ist, die sie in Deutschland niemals gehabt haben. […] Wir verurteilen diese [antisemitischen] Bestrebungen auf das schärfste. Wir halten es für unwürdig und für an sich unglaublich, daß nach all dem, was sich in nationalsozialistischer Zeit begeben hat, in Deutschland noch Leute sein sollten, die Juden deswegen verfolgen oder verachten, weil sie Juden sind.[27]

Adenauer spricht hier von rechtsradikalen Umtrieben und antisemitischen Bestrebungen bestimmter Persönlichkeiten.[28] Seine Sorge gilt aber nicht dem Rechtsradikalismus und dem Antisemitismus, vielmehr fürchtet er das Presseecho[29] und damit die Schädigung des deutschen Ansehens, namentlich im Ausland. Seine Ausführungen erweisen sich als ein Rufverteidigungsversuch. Zu den nach wie vor gesellschaftsfähigen antisemitischen Einstellungen in der Mitte der deutschen Gesellschaft, über die man nicht in der Zeitung lesen kann, verliert er kein Wort.[30] Diese latente Problematik würde eine öffentliche Auseinandersetzung erfordern, die er seit seinem politischen Neuanfang nach Kriegsende immer zu vermeiden versucht hat.[31] Adenauer versucht statt dessen mit der Bemerkung, es sei „an sich unglaublich“, dass es in Deutschland immer noch Nazis und Antisemitismus gibt, den Eindruck zu erwecken, die Deutschen des Jahres 1949 hätten mit denen der Jahre 1933 bis 1945 nichts mehr zu tun. Mit der Formulierung, rechtsradikale Äußerungen seien „ungezogen“, verharmlost er Antisemitismus und Nazismus, indem er die Äußerungen mit der Unartigkeit von Kindern vergleicht, die für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden können.

Im Schatten dieser Sorge um den deutschen Ruf entziehen sich die Andeutungen Adenauers zu den Untaten der NS-Zeit leicht dem Blick. Mit der Wendung „nach all dem, was sich in nationalsozialistischer Zeit begeben hat“ rückt der Kanzler die furchtbaren Verbrechen an den Juden, die er in seiner Regierungserklärung im Übrigen nicht erwähnt, in eine möglichst große Distanz. Der Holocaust wird zu einer „Begebenheit“, zu einem nebelhaften, nicht erklärungsbedürftigen und nicht erklärungsfähigen, anonymen Ereignis aus einer lange vergangenen Zeit. Der Absatz erweist sich so als ein Versuch, den Holocaust aus der öffentlichen Erinnerung verschwinden zu lassen. Adenauer wird wenig später sagen, man müsse mit den Nachforschungen über die Vergangenheit aufhören. Es habe „buchstäblich ein neues Kapitel der Geschichte angefangen.“[32]

Das Bemühen, ein Bild des Landes zu zeichnen, das mit den Verbrechen des Nationalsozialismus nichts mehr zu tun hat, führt dazu, dass die Regierungserklärung nur die deutschen Opfer erwähnt. Adenauer erinnert an die Kriegsopfer, die Kriegsgefangenen, an die „Tragödie“[33] der Vertreibung, die Teilung des Landes, an den Verlust der Freiheit durch die Besatzung, das „Unheil“ der Entnazifizierung und die unberechtigten Vorwürfe des Auslandes. Die Republik, das bedeutet sein Schweigen, soll mit einer ,sauberen‘ Bilanz beginnen. Schuld und Schulden sollen, soweit sich das machen lässt, abgeschrieben werden, damit die Deutschen „wieder hochkommen“[34]. So steht am Anfang der Kanzlerschaft Adenauers auf der einen Seite ein Schlussstrich und auf der anderen ein deutsches Selbstverständnis als das Volk unschuldiger Opfer.[35]

Adenauers Ausführungen zum NS und zum Antisemitismus bleiben im Bundestag nicht unwidersprochen.[36] Der Vorsitzende der SPD Kurt Schumacher moniert, Adenauer habe zu wenig von den jüdischen Opfern gesprochen. Man könne nicht „gegen den Nazismus sein, ohne der Opfer des Nazismus zu gedenken.“ Trotz dieser Kritik spielt er den Holocaust herunter. Bei diesem Verbrechen handele es sich um eine „furchtbaren Tragödie der Juden“, durch welche das deutsche Volk „entehrt“ worden sei.[37] Befremdlich ist auch Schumachers Definition des Antisemitismus. Dieser sei das „Nichtwissen von den großen Beiträgen der deutschen Juden zur deutschen Wirtschaft, zum deutschen Geistesleben und zur deutschen Kultur und bei der Erkämpfung der deutschen Freiheit und der deutschen Demokratie.“ Und schließlich bedauert er, dass die Juden beim Wiederaufbau fehlen: „Das deutsche Volk stände heute besser da, wenn es diese Kräfte des jüdischen Geistes und der jüdischen Wirtschaftspotenz bei dem Aufbau eines neuen Deutschlands in seinen Reihen haben würde.“[38]

Als zehn Jahre später, an der Wende 1959/1960, jüdische Einrichtungen in Westdeutschland beschmiert werden und der Antisemitismus zum Skandal wird, wird Carlo Schmid als Sprecher der SPD deutlich Stellung gegen Adenauer beziehen und dessen Politik, den Antisemitismus in Deutschland „unter den Teppich zu kehren“ (Schmid), für die Welle antisemitischer Übergriffe verantwortlich machen.

 

Kapitel 3: Versuch eines Schlussstrichs

Das Wiedergutmachungsabkommen 1953

Bei Adenauers Versuchen, die Vergangenheit „zum Abschluss zu bringen“, ist die Wiedergutmachung an den Juden von entscheidender Bedeutung. Diese Problematik beschäftigt die deutsche Politik über die volle Dauer der Legislaturperiode. Im November 1949 äußert Adenauer sich erstmalig öffentlich zu dem Thema. Im September 1951 nimmt die Bundesregierung zu den „im Namen des deutschen Volkes“ begangenen „unsagbaren Verbrechen“[39] Stellung. Als der Vertrag im März 1953 vom Bundestag ratifiziert werden soll, wertet Adenauer ihn als den „Abschluss“[40] des NS-Kapitels.

Am 11. November 1949, nur wenige Wochen nach seiner ersten Regierungserklärung, gibt Adenauer dem Herausgeber der Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland, Karl Marx, ein Interview. Er bezeichnet das Verhältnis der Deutschen zu den Juden als „Frage der Juden“.[41] Er spricht über seine jüdischen Freunde, über den Beitrag der Juden zur deutschen Kultur, über sein Angebot, nach dem Krieg Synagogen, jüdische Krankenhäuser und Schulen wiederaufzubauen. Es habe ihn gekränkt, dass die Juden sein Bemühen „verbittert“ mit den Worten zurückgewiesen hätten: „Wir brauchen das nicht mehr in Deutschland.“ Adenauer spricht über Vieles, vor allem seine eigene positive Einstellung gegenüber den Juden, vermeidet jedoch, den in Deutschland tiefsitzenden Antisemitismus und vor allen den Völkermord anzusprechen. Dieses Muster, über sich selbst zu sprechen und über die Deutschen zu schweigen, wird sich durch seine kommenden Äußerungen zur Frage des Verhältnisses der Deutschen zu den Juden ziehen.

Auf die Frage, wie sich Deutschland die Wiedergutmachung vorstellt, erklärt er; das deutsche Volks sei gewillt, „das Unrecht, das in seinem Namen durch ein verbrecherisches Regime an den Juden verübt wurde, soweit wiedergutzumachen, wie dies nur möglich ist“. Die Bundesregierung werde sich insbesondere um den „Ausgleich der den jüdischen Staatsangehörigen zugefügten wirtschaftlichen Schäden“ bemühen und sie beabsichtige, „Israel Waren zum Wiederaufbau im Werte von 10 Millionen DM zur Verfügung zu stellen, […] als erstes unmittelbares Zeichen dafür, daß das den Juden in aller Welt von Deutschen zugefügte Unrecht wiedergutgemacht werden muß“.[42] Das Angebot wird von den israelischen Behörden als Beleidigung empfunden.[43].

Für Adenauer geht es bei der Wiedergutmachung von vornherein nicht um die Sühne für eigene Verbrechen, denn dies wäre für ihn das Anerkenntnis einer Schuld des deutschen Volkes. Für ihn war einzig Hitler der Verantwortliche. Das Nachkriegsdeutschland tritt, so sieht es Adenauer, lediglich in die Haftung für etwas ein, das es nicht zu verantworten hat. Dabei steht für ihn der Ausgleich von wirtschaftlichen Schäden jüdischer Staatsangehöriger, also deutscher Juden, im Vordergrund, obwohl diese nur einen geringen Prozentsatz an der Gesamtzahl der jüdischen Opfer ausmachten.

Nach dem Interview reißt der Gesprächsfaden zur jüdischen Seite für lange Zeit wieder ab.[44] Karl Marx beschwert sich bei dem damaligen Justizminister Dehler, Adenauer habe nicht einmal sein Versprechen gehalten, „sich von allem zu distanzieren, was gewesen ist“.[45] Doch die Alliierten, vor allem die Amerikaner, machen den Deutschen unmissverständlich klar, dass sie sich mit den Juden und mit Israel verständigen müssen, wenn das Land in den Kreis der anerkannten Nationen zurückkehren möchte.[46] Am 27. September 1951 gibt Adenauer vor dem Deutschen Bundestag eine Erklärung ab. Er möchte die hier und da in der „Weltöffentlichkeit“ geäußerten „Zweifel“ an der „Haltung der Bundesrepublik gegenüber den Juden“ zerstreuen und „das Verhältnis der Juden zum deutschen Volke auf eine neue und gesunde Grundlage stellen“. Adenauer verweist auf das Grundgesetz, das es verbiete, einen Menschen wegen „seiner Abstammung, seiner Rasse [oder] seines Glaubens“ zu benachteiligen. Er räumt jedoch ein, es sei notwendig, dass die „Gesinnung“, aus der die Normen des Grundgesetzes „geboren wurden, zum Gemeingut des ganzen Volkes wird“.[47] Über die NS-Vergangenheit sagt Adenauer:

Das deutsche Volk hat in seiner überwiegenden Mehrheit die an den Juden begangenen Verbrechen verabscheut und hat sich an ihnen nicht beteiligt. Es hat in der Zeit des Nationalsozialismus im deutschen Volke viele gegeben, die mit eigener Gefährdung aus religiösen Gründen, aus Gewissensnot, aus Scham über die Schändung des deutschen Namens ihren jüdischen Mitbürgern Hilfsbereitschaft gezeigt haben. Im Namen des deutschen Volkes sind aber unsagbare Verbrechen begangen worden, die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten […].[48]

Mit der Gegenüberstellung von den Wenigen und den Vielen, die der von den Schuldigen und den Unschuldigen entspricht, bestätigt die Erklärung die Proportionen des historischen Narrativs Adenauers. „Die Deutschen“ hätten sich an den Verbrechen nicht beteiligt. Diese seien lediglich – so die „sorgfältig gewählte Passivkonstruktion“[49] – im „deutschen Namen“ begangen worden. Die Erklärung dient „mehr der Exkulpierung der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes als dem konkreten Bekenntnis einer Schuld oder Verantwortung“.[50] Dass die breite Mehrheit der deutschen Gesellschaft auch Anfang der fünfziger Jahre den Juden gegenüber immer noch überwiegend antisemitisch bzw. distanziert bis ablehnend eingestellt ist, verschweigt der Kanzler.[51] Stattdessen bezieht er sich auf die kleine Gruppe aktiver antisemitischer Hetzer, die er mit den Mitteln des Strafrechts verfolgen will.

Es folgen lange, konfliktreiche Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und Vertretern Israels.[52] Obwohl Adenauer in einem Brief an Nahum Goldmann die Forderungen der Israelis im Dezember 1951 akzeptiert hat, beugt er sich später seinem Finanzminister Fritz Schäffer und Josef Abs, dem Leiter der deutschen Delegation bei den Londoner Schuldenverhandlungen, die behaupten, Deutschland würde sich mit den zugesagten Leistungen an Israel wirtschaftlich ruinieren.[53] Erst als der Abbruch der Gespräche und damit ein schwerer Reputationsschaden droht, entschließt sich der Kanzler, die Bedingungen Israels anzuerkennen. Dabei stellt sich heraus, dass die jährlichen Wiedergutmachungszahlungen für Deutschland finanzierbar sind.[54]

Am 6. September 1952, zwei Tage vor der Beschlussfassung des Kabinetts über den Vertrag und vier Tage vor der Unterzeichnung, hält Adenauer vor dem Bundesparteiausschuss der CDU, einem Gremium von ungefähr hundert Parteiführern aus Bundespartei und Landesverbänden, eine Ansprache. Er räumt nun ein, „ein erheblicher Teil des deutschen Volkes“ habe sich „an den Greueltaten des Nationalsozialismus gegenüber dem Judentum“ beteiligt.  Darüber hinaus gibt er zu, dass „im deutschen Volk antisemitische Tendenzen wieder wach werden“. Das aber solle „um Gottes Willen“ nicht in die Öffentlichkeit kommen. Adenauer scheut den Skandal und die öffentliche Auseinandersetzung. Er fürchtet um den deutschen Ruf, der bei all seinen Überlegungen zur Vergangenheit eine entscheidende Rolle spielt.[55] Adenauer wünscht, „dass nunmehr die Vergangenheit vergangen sein soll zwischen dem Judentum und zwischen Deutschland“. Würde sich das Kabinett dem Vertrag in den Weg stellen, würde das nicht nur eine politische „Katastrophe“[56]  sein,

es würde auch unser ganzes Bestreben, wieder ausländische Kredite zu bekommen, in sehr starkem Maße beeinträchtigen. Seien wir uns darüber klar, daß die Macht des Judentums auf wirtschaftlichen Gebiet außerordentlich stark ist nach wie vor, so daß diese, nun, der Ausdruck ist vielleicht etwas übertrieben, diese Versöhnung mit dem Judentum sowohl vom moralischen Standpunkt wie vom politischen Standpunkt, wie auch vom wirtschaftlichen Standpunkt ein unbedingtes Erfordernis für die Bundesrepublik ist.[57]

Adenauer hatte bisher Eingeständnisse eines immer noch virulenten Antisemitismus und einer historischen Mitschuld des deutschen Volkes sorgfältig zu vermeiden gewusst. Nun spricht er das Thema gegenüber der Parteiführung offen an, um sich gegen die erheblichen Widerstände in der CDU gegen den Abschluss des Abkommens durchzusetzen. Er macht deutlich: Wenn Deutschland wieder in die Gemeinschaft der Staaten aufgenommen werden soll und Zugang zu den internationalen Kreditmärkten erlangen möchte, wenn es sich „mit dem Judentum“[58] wieder versöhnen und seinen Ruf nicht gefährden will, dann muss dieses Abkommen unterzeichnet werden. Die offene Sprache, die Adenauer hier führt, dient dazu, die Partei zu disziplinieren und ihr vor Auge zu führen, was auf dem Spiel steht.

Am 10. September wird das Wiedergutmachungsabkommen von Adenauer und dem israelischen Außenminister Moshe Sharett in Luxemburg schließlich unterzeichnet.[59] Im März 1953 wird es vom Bundestag ratifiziert. Adenauer nimmt dabei noch einmal eine Gesamtdeutung vor. Mit dem Vertrag betätige

die Bundesregierung nunmehr durch die Tat den feierlichen versprochenen Abschluß eines für jeden Deutschen traurigsten Kapitel unserer Geschichte. Eine solche Tat ist schon aus moralischen Gründen eine Notwendigkeit. Sicher: bei weitem nicht alle Deutschen waren Nationalsozialisten, und es hat auch manche Nationalsozialisten gegeben, die mit den begangenen Greueln nicht einverstanden waren. Trotzdem ist dieser Akt der Wiedergutmachung durch das deutsche Volk notwendig. Denn unter Missbrauch des Namens des deutschen Volkes sind die Untaten begangen worden. […] [Wir wollen] die Schäden wiedergutmachen, soweit das möglich ist, soweit das in unserer Kraft steht. Der Name unseres Vaterlandes muss wieder die Geltung bekommen, die der geschichtlichen Leistung des deutschen Volkes in Kultur und Wirtschaft entspricht.[60]

Adenauer hält das Thema Nationalsozialismus für abgeschlossen. Abgeschlossen ist für ihn die Frage der Schuld, die Strafverfolgung der NS-Täter kommt praktisch zum Erliegen. Abgeschlossen ist außerdem die Frage der moralischen Schuld. Dafür gibt es die Kategorie der „nicht Einwandfreien“, aus der nichts folgt. Mit der Wiedergutmachung an Israel sind auch die Verpflichtungen gegenüber den Opfern erfüllt. Und schließlich gilt der Antisemitismus als überwunden. Mit einem Wort: Vergangen ist die Vergangenheit zwischen dem Judentum und Deutschland. Nach der Ratifizierung wird das Abkommen dem moralischen Konto der Republik gutgeschrieben. Für eine Weile scheint es, als sei Deutschland „aus dem Schatten der Katastrophe“ (Hansen) herausgetreten.

 

Kapitel 4: Wiederkehr des Verdrängten

Die Schändung jüdischer Einrichtungen an der Wende 1959/60

Am Weihnachtsabend 1959 wird die Kölner Synagoge von Mitgliedern einer neonazistischen Gruppierung geschändet. In den Tagen und Wochen darauf kommt es in der Bundesrepublik und im Ausland zu über 700 antisemitischen Übergriffen auf jüdische Einrichtungen. Diese Ereignisse bilden in doppelter Hinsicht einen Einschnitt in der Geschichte der deutschen „Vergangenheitsbewältigung“. Zum einen zeigt sich, dass das bis dahin weitgehend erfolgreich Verdrängte wiederkehrt, und zum anderen wird die Deutungshoheit von Adenauers Narrativ der Mitte im Bundestag angefochten.

Die Öffentlichkeit im In- und Ausland reagiert schockiert auf die Ereignisse. Auf der Sondersitzung des Bundeskabinetts am 6. Januar 1960 berichtet Bundesaußenminister von Brentano, dass das Echo auf die Vorgänge „in zunehmendem Maße bedrohlich werde“.[61] Für die Bundesregierung sind die Ereignisse eine Katastrophe, gefährden sie doch den Ruf Deutschlands als eines geläuterten Landes. In einem Bericht aus Tel Aviv heißt es: Die öffentliche Meinung in Israel über die „Hakenkreuzwelle in Deutschland“ sei geprägt von einem „Gefühl von Wut und Zorn“.[62] Das Auswärtige Amt resümiert die Berichte der deutschen Auslandvertretungen mit der Feststellung: „In den meisten Ländern der freien Welt hat seit Kriegsende kein Ereignis in Deutschland die Öffentlichkeit so stark beschäftigt wie die Welle antisemitischer Vorfälle.“[63] Bestürzt über das verheerende Echo gibt Adenauer am 16. Januar 1960 eine Erklärung im deutschen Fernsehen ab.

Sie trägt den Titel „Im deutschen Volk hat der Nationalsozialismus keine Wurzel“. Die Formulierung kann besagen, der Nationalsozialismus habe heute keine Wurzeln mehr im deutschen Volk. Sie kann aber auch als Behauptung verstanden werden, der NS habe im deutschen Volk nie Wurzeln gehabt. So als sei der Nationalsozialismus den Deutschen immer fremd geblieben, behauptet Adenauer beides: „[D]er größere Teil des deutschen Volkes [hat] in den Zeiten des Nationalsozialismus nur unter dem harten Zwang der Diktatur gedient.“ Heute seien nur noch die „wenigen Unverbesserlichen“ vorhanden, die aber „nichts ausrichten“[64] könnten. Adenauers Erklärung beginnt mit der Passage:

Die Schändung der Synagoge in Köln, übrigens einer Synagoge, an deren festlicher Einweihung ich als Bundeskanzler vor wenigen Monaten teilgenommen habe, die von denselben Tätern in der gleichen Nacht vorgenommene Schändung des Gedenksteins für die Opfer des Nationalsozialismus haben bei uns in Deutschland eine Welle der Empörung gegen die Täter, in manchen anderen Ländern eine Welle von Haß gegen die Deutschen überhaupt, insbesondere gegen das heutige Deutschland hervorgerufen.[65]

Adenauer arbeitet mit starken Kontrasten: auf der einen Seite der Kanzler, der sich für die Juden einsetzt, und die Deutschen, die die Schändungen verurteilen, auf der anderen Seite die Täter und die Ausländer, die er an anderer Stelle der Rede als „Gegner im Ausland“ bezeichnet. Auf der einen Seite die „Welle der Empörung“, auf der anderen die „Welle von Haß“. Den Vorwürfen des Auslands versucht Adenauer durch die Geschichte seiner eigenen Beziehungen zu den Juden entgegenzutreten.

Meine Familie und ich sind selbst Opfer des Nationalsozialismus. Es genügt wohl, wenn ich Ihnen sage, daß ich viermal auf einer Todesliste der Nationalsozialisten gestanden habe, und daß es an ein Wunder grenzt, wenn ich diese Jahre lebend überstanden habe. Und mein Verhältnis zum Judentum? Nun, zwei Juden waren es, die, als meine Familie und ich uns in der Zeit des Nationalsozialismus in großer finanzieller Bedrängnis befanden, als erste mir finanzielle Hilfe anboten. Sie wussten, wie ich zu den Juden immer gestanden habe. Als ich Bundeskanzler geworden war, habe ich mit ganzer Kraft mich eingesetzt für das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel. Ich wollte damit vor der ganzen Welt kund tun, daß das heutige Deutschland den Antisemitismus von Grund auf ablehnt.[66]

Wie schon im Falle der Wiedergutmachung spricht Adenauer von sich, um etwas über die Deutschen auszusagen. Er produziert eine „Deckgeschichte“. Zugleich versucht er noch vehementer als in der ersten Regierungserklärung die antisemitischen Vorfälle zu bagatellisieren. Sie seien „fast ausschließlich Flegeleien“ von unerzogenen Jugendlichen „ohne politische Grundlage“. Den Deutschen rät er: „Wenn Ihr irgendwo einen Lümmel erwischt, vollzieht die Strafe auf der Stelle und gebt ihm eine Tracht Prügel.“ Sollte dies nicht helfen, so werde der Staat „mit seiner ganzen Macht“[67] die Sicherheit der Juden in Deutschland gewährleisten. An anderer Stelle versucht er, Sündenböcke zu finden und den Eindruck zu erwecken, die Übergriffe seien von kommunistischer Seite gesteuert worden.[68] Gegenüber dem französischen Außenminister Couve de Murville betont Adenauer, dass die antisemitischen Vorfälle „von Sowjetrussland aus unterstützt werden“, sie nicht „sehr schwerwiegend“ seien und „die deutsche Bevölkerung sie durchweg ablehne und als Taten von Halbstarken abtue“.[69]

Kurz darauf wird Adenauer von Nahum Goldmann zu einer Gedenkfeier am 2. Februar 1960 im ehemaligen KZ Bergen-Belsen eingeladen.[70] Dabei hält er vor den überwiegend ausländischen Teilnehmern, Vertretern jüdischer Organisationen und des Diplomatischen Corps, eine Ansprache:

Wir gedenken in dieser ernsten Stunde aller Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und gedenken voll tiefen Mitgefühls ihrer Angehörigen. Wir gedenken insbesondere heute und in dieser Stunde der Angehörigen, die sich dem jüdischen Glauben zurechnen. Wir gedenken ihrer voll tiefen Mitgefühls, und ich muß Ihnen gestehen, daß ich tief bewegt und tief erschüttert bin in der Erinnerung an all´ das Elend und all´ die Not, die hier in dieser Gegend jahrelang geherrscht haben. […] In den letzten Wochen haben sich in Deutschland […] Vorgänge ereignet, die wir aufs tiefste bedauern.[71]

Adenauer endet mit der emphatischen Erklärung, es gebe „keinen besseren Ort und keine bessere Stunde“, um zu geloben, „alles dafür zu tun, dass jeder Mensch – gleichgültig welchem Volk, welches Nation und welcher Rasse er angehört – […] auf der Erde [!] in Zukunft Sicherheit und Freiheit genießt.“[72]

Adenauers Reden beweisen sein Geschick, sich aus gleichem Anlass gegenüber gänzlich anderen Adressaten sehr unterschiedlich in Inhalt und Tonlage zu äußern und gleichzeitig an dem Narrativ festzuhalten, die Deutschen seien in ihrer großen Mehrheit am NS unschuldig und hätten mit den jüngsten Übergriffen nichts zu tun. Sie sind bei ihm weiterhin Opfer. Waren sie zuvor Opfer der NS-Vergangenheit, des Krieges und der Vertreibung, so sind sie 1960 ganz gegenwärtig auch noch Opfer der Schändung ihres Rufes.   

Am 18. Februar 1960 kommt es zu einer Bundestagsdebatte über die antisemitischen Vorfälle. Die Regierungserklärung, die Bundesinnenminister Schröder vorträgt, setzt insofern neue Akzente, als Schröder betont, der politischen Erziehung der Jugend komme bei der Bekämpfung des Antisemitismus eine besondere Bedeutung zu. Dabei liege das Problem weniger bei den Schulen als bei den Eltern der Jugendlichen. Er verweist damit auf die in der Tätergeneration nach wie vor weit verbreiteten antisemitischen Einstellungen. Die Schlussfolgerung jedoch, die er daraus zieht, bleibt in den alten Gleisen Adenauerscher „Vergangenheitsbewältigung“. Es gelte, „den seit 15 Jahren verfolgten neuen Weg unbeirrt fortzusetzen.“ Es dürfe in Deutschland „nicht den Maßstab wirklichen oder angeblichen Versagens gegenüber dem totalitären Nationalsozialismus geben“ und “angesichts der tödlichen Bedrohung durch den Kommunismus“ sei „das Zusammenstehen aller in der Verteidigung […] des demokratischen Rechtsstaates“ nötig. Dazu aber brauche es „Versöhnung und Toleranz […] innerhalb des gesamten Volkes“.[73]

In der anschließenden Debatte bricht der Dissens zwischen der Regierung und der Opposition in der Frage auf, wie Politik und Gesellschaft in Deutschland mit der eigenen Vergangenheit und ihrer Gegenwart umgehen sollen. Carlo Schmid, der für die SPD spricht, wertet die antisemitischen Übergriffe als Beweis des Versagens der Adenauerschen Politik der Dethematisierung der Verbrechen und der bedenkenlosen Pardonierung der Funktionsträger des NS-Regimes. Durch die Vorfälle sei etwas ans Tageslicht gekommen, „das doch nur unter den Teppich gekehrt worden ist.“[74] Die Täter hätten offensichtlich geglaubt, „im deutschen Volk eine Resonanz erwarten zu können.“ Weil in der Regierung Leute sitzen, die „nicht nur formell Mitglieder der NSDAP gewesen sind, sondern […] besonders intensiv deren Ideologie vertreten und verbreitet haben“, hätten sich die jugendlichen Täter der Schmierereien „im letzten doch gerechtfertigt“[75] fühlen können.

Schmids Argumentation läuft auf die Feststellung hinaus, dass in einem Land, in dem noch vor kurzer Zeit menschenverachtende Überzeugungen und Einstellungen in breiten Schichten der Bevölkerung verankert waren, nicht davon ausgegangen werden könne, dass ein Sinneswandel stattfinden kann, wenn die politische Führung auf eine gesellschaftliche Auseinandersetzung verzichtet und die Mehrzahl der Funktionsträger des alten Regimes ihre Karrieren ungebrochen weiterführen können. „[W]as wir hier in diesem Hause zu erledigen haben“, hält Schmid der Regierung entgegen, „haben wir nicht in erster Linie wegen der bösen Wirkungen der Untaten und Dummheiten der letzten Wochen auf das Ausland zu leisten. Wir haben es zu tun, um der Verwirklichung der Demokratie willen.“[76] Was aber eine Demokratie ist, darüber gehen die Meinungen zwischen Regierung und Opposition auseinander. Schmid betont die Bedeutung des gesellschaftlichen Umfeldes und damit der gesellschaftlich verankerten Überzeugungen.

Demokratie heißt […] davon überzeugt sein, daß jedem Bewohner unseres Landes das gleiche Recht auf Achtung und Würde zusteht wie jedem anderen und daß diese Würde nur gewährt ist, wenn ihm unverzichtbare Rechte nicht nur formal zustehen, sondern auch in der gesellschaftlichen Umwelt, in der er lebt, zur Wirklichkeit werden. […] Demokrat ist man dann, wenn man gerade dem, der als `anderer´ empfunden wird, den Raum mit schaffen will, in dem er nach seinen Vorstellungen von sich selber sich frei entfalten kann […].[77]

Es wäre verkehrt, sagt Schmid, das Problem so zu sehen, „als hätten wir gewissen Minderheitengruppen `Toleranz´ zu gewähren“. Es ginge auch nicht darum, die Juden zu schützen: „Sie sollen nicht `geschützt´ werden, sondern sie sollen l e b e n können.“[78] Das Lebensrecht der Juden aber könne nicht vom Staat, von seinen Gesetzen und seiner Polizei allein gewährleistet werden. Es sei vielmehr die Aufgabe der ganzen Gesellschaft, das Lebensrecht aller Teile der Bevölkerung im sozialen Umgang miteinander zu gewährleisten.[79]

Schmids Rede findet bei den Regierungsparteien wenig Resonanz. Die FDP-Abgeordnete Elisabeth Lüders wünscht sich das Ende der Debatte: „Es sind fünfzehn Jahre nach dem Grauen, und ich hoffe, dass es das letzte, das allerletzte Mal ist, daß irgendjemand von uns in die Lage kommt, hierüber vor diesem Hohen Hause sprechen zu müssen.“[80] Es ist eine Hoffnung, die in der Grundtendenz derjenigen Adenauers entspricht. Wie sehr er davon überzeugt ist, die Vergangenheit nun endgültig hinter sich lassen zu können, zeigt sich sechs Jahre später während seiner Israel Reise 1966, bei der die unterschiedlichen Sichtweisen von Deutschen und Juden unübersehbar zum Vorschein kommen.

 

Kapitel 5: Die Israelreise 1966

Im Mai 1966 reist Adenauer auf Einladung des früheren israelischen Ministerpräsidenten Ben Gurion nach Israel. 1963 ist er vom Amt des Bundeskanzlers zurückgetreten. Im März 1966 hat er auch den Vorsitz der CDU niedergelegt. 1965 haben Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen. Israel richtet für den Altkanzler ein neuntägiges Besuchsprogramm mit Besichtigungen, Empfängen und Ehrungen aus. Ben Gurion bezeichnet ihn als einen „der größten Staatsmänner seiner Zeit“.[81] Die Mehrzahl der israelischen Zeitungen lobt Adenauers Verdienste um die Wiedergutmachung und die Unterstützung des Staates Israel, große Teile der Öffentlichkeit jubeln ihm zu. Daneben gibt es kritische Stimmen, die an den Fall Globke und an Adenauers Weigerung erinnern, in der Bundesrepublik eine aufrichtige Selbstreinigung voranzutreiben. Es kommt zu lautstarken Demonstrationen gegen den „unerwünschten Gast“, die von der Polizei gewaltsam aufgelöst werden.

Für Adenauer geht es bei der Israel-Reise um die Bilanzierung eines zentralen Teils seines Lebenswerks. „Von Anfang an“, sagt er, sei die Aussöhnung mit Israel und den Juden neben der Aussöhnung mit Frankreich immer ein „Hauptziel“[82] seiner Politik gewesen. Die Aussöhnung mit Frankreich diente der Schaffung einer Friedensordnung in einem geeinten Europa, die Aussöhnung mit den Juden und mit Israel der Wiederherstellung des Ansehens Deutschlands als eines geachteten und gleichberechtigten Mitgliedes in der Gemeinschaft der Völker.[83]

Nach dem Krieg hat Adenauer Kontakt zu zahlreichen Juden: aus Deutschland, aus internationalen jüdischen Organisationen und aus Israel. Doch noch nie ist er so unmittelbar mit der Gegenwart der Vergangenheit konfrontiert gewesen wie in Israel. Er besucht Yad Vashem und erlebt dort „dieses tiefe Hineinragen des schrecklichen jüdischen Schicksals der Hitlerzeit in den israelischen Alltag“.[84] Adenauer, der sonst über den Dingen zu stehen scheint, ist tief berührt. Wie in einem Brennspiegel gibt die Verbindung von Ehrung des Staatsmannes und persönlicher Erschütterung Einblicke frei in Konturen und Zusammenhänge des Geschichtsbildes Adenauers und seiner Art und Weise, mit der deutschen Erbschaft als Kanzler umzugehen. Einblicke, die zuvor nur geahnt werden konnten.[85]

Gleich am zweiten Besuchstag kommt es zum Eklat. Der israelische Ministerpräsident Levi Eshkol hält bei einem Abendessen zur Begrüßung des deutschen Gastes eine Tischrede. Der Eklat entzündet sich an zwei Sätzen, die in der nach dem Treffen offiziell veröffentlichten Version der Rede fehlen.[86] Eshkol erinnert zunächst an den Völkermord: „Wir haben nicht vergessen. Wir können den furchtbaren Massenmord nicht vergessen. Wir haben sechs Millionen unseres Volkes verloren.“ Und zu Adenauer gewandt fährt er fort: „Ihr Platz ist unter jenen, die bemüht sind, die Schande der Nazi-Ära auszulöschen.“ Darauf folgen die Sätze, die den Eklat auslösen:

Das israelische Volk wartet auf neue Zeichen und Beweise dafür, daß das deutsche Volk die schreckliche Last der Vergangenheit erkennt. Die Wiedergutmachung stellt nur eine symbolische Rückerstattung des blutigen Raubes dar. Es gibt keine Sühne für die Greuel und keinen Trost für unsere Trauer.[87]

Besonders durch diese beiden Sätze sieht Adenauer sein Lebenswerk in Zweifel gezogen. Empört habe er, so berichtet Goldmann später, Eshkol entgegnet: „Herr Ministerpräsident, was Sie denken, kümmert mich nicht, und was Sie von mir halten, interessiert mich nicht im geringsten. Ich repräsentiere das deutsche Volk. Sie haben es beleidigt, also reise ich morgen früh ab.“[88] In der mit Hilfe von besorgten deutschen und israelischen Diplomaten überarbeiteten offiziellen Fassung der Replik Adenauers heißt es:

Der Nationalsozialismus hat so viele Deutsche wie Juden getötet. Ich habe kein Wort der Entschuldigung dafür, ich habe vieles gesehen und gehört, was der Durchschnitt nicht hörte. Ich kann nur sagen, dass wir alles getan haben und jeden Beweis geliefert haben, und dass wir bestrebt sind, diese Zeit der Greuel, die man nicht ungeschehen machen kann, zu überwinden. Wir sollten sie aber nun der Vergangenheit überlassen. Ich weiß, wie schwer es für das jüdische Volk ist, das zu akzeptieren. Aber wenn guter Wille nicht anerkannt wird, kann daraus nichts Gutes entstehen.[89]

Mit dem Hinweis, Deutschland habe jeden Beweis geliefert, die Zeit der Gräuel zu überwinden, bezieht sich der Kanzler auf die Wiedergutmachung. Er hat sie immer verstanden als einen Versuch, die Vergangenheit zum Abschluss zu bringen. Mit dem Geschichts- und nationalen Selbstbild des Kanzlers ist die historische Schande nicht vereinbar. Die Deutschen seien schließlich selbst Opfer der Nazis geworden. Die Opferthese wird von Adenauer in Israel weit über seine früheren Äußerungen ausgeweitet. Für ihn waren die Deutschen nicht weniger Opfer der Nazis wie die Juden und, so erklärt er an anderer Stelle, die Opfer des Vernichtungskrieges.[90]

Monat nach seinem Besuch in Israel veröffentlichten „Bilanz einer Reise“ spielt Adenauer die Kontroverse mit Eshkol herunter: Es habe sich um „Schwierigkeiten“ wegen „gewisser Formulierungen“, die Eshkol in seiner Rede habe „gebrauchen wollen“ gehandelt, die man „nicht überbewerten“ dürfe. Eshkol habe Rücksichten auf seine „nicht gerade unkomplizierten“ Koalitionspartner nehmen müssen. Vor allem aber müsse man verstehen, dass die Vergangenheit „in Gestalt der Überlebenden aus den Vernichtungslagern und der vielen Israeli, die zum Teil alle ihre Angehörigen verloren haben“ noch lebe. „Herr Eshkol und ich haben aber schließlich eine Lösung gefunden, und der Zwischenfall ist bereinigt.“[91] Die Einschätzung, die Adenauer hier vornimmt, zeigt, wie sehr er sich der Realität verweigert. Hinter seiner Bemerkung, Eshkol habe gewisse Formulierungen gebrauchen wollen, steckt der Wunsch, diese tatsächlich gefallenen Äußerungen ungeschehen zu machen. Auch die Auffassung, der Zwischenfall sei „bereinigt“, verrät Adenauers Wunschdenken. Sie beruht auf der Illusion, man könne die Erinnerung an die Vergangenheit „wegwischen“ (Adorno) und als beruhe der Eklat auf dem Missverständnis zweier Politiker.

Adenauer muss sich in Israel bewusst geworden sein, dass seine Annahme, die Wiedergutmachung habe zu einer Aussöhnung geführt, von jüdischer Seite nicht in gleicher Weise geteilt wird.[92] Schon 1953 hatte er die Wiedergutmachung ein „Zeichen der Versöhnung“[93] genannt, ­– so als sei es an den Deutschen, den Juden eine Versöhnung anzubieten. In Israel nimmt er aus Anlass der Verleihung des Honorary Fellowship des Weizmann-Instituts am 3. Mai 1966 erneut zur Versöhnung Stellung:

Und ich bin so tief gerührt, weil es mir beschieden ist, beizutragen zur Versöhnung. Das war das Ziel meiner Tätigkeit vom ersten Tage an, da ich Bundeskanzler der Bundesrepublik wurde. Die Versöhnung herbeizuführen, mit Israel und dem gesamten Judentum der Welt. Das war mein vornehmstes Anliegen aus dem Gefühl einer tiefen inneren Verpflichtung heraus […].[94]

Gegenüber dem SPIEGEL sagt er in einem Interview am 13. Mai 1966:

Eine Versöhnung? – Das glaube ich nicht. Denn Versöhnung, das können die Juden nicht. Ich versteh das absolut. […] Sehen Sie zum Beispiel, dieser Major Riese ist im Jahre 1934 von seinen Eltern, die in Deutschland lebten, in die Schweiz geschickt worden. [Die Eltern] sind beide vergast worden. Daß das in so einem Manne nachwirkt, kann man doch verstehen.[95]

Abgesehen davon, dass Adenauer die Katastrophe eines Volkes auf individuelle psychische Traumata reduziert, konstruiert er die Beziehung zwischen Deutschen und Juden nicht als Schuldverhältnis, sondern als Verhältnis zwischen Gleichen. Beide könnten nicht so leicht, so sagt er, über das Furchtbare, das geschehen sei, hinwegkommen. Er sieht nicht, dass der Völkermord jenes Vertrauen zerstört hat, das die Voraussetzung für das Zusammenleben zwischen Völkern ist. Für dessen Wiederherstellung wäre die Bereitschaft der Deutschen erforderlich, ihre eigene Geschichte anzunehmen. Das aber verweigert die breite Mehrheit, auch noch zwanzig Jahre nach dem Holocaust. Adenauer hat dazu wesentlich beigetragen. Noch in seiner „Bilanz einer Reise“ schreibt er, das Furchtbare sei „zwar nicht durch das deutsche Volk, aber im Namen des deutschen Volks und durch deutsche Menschen den Juden angetan worden“.[96]

Im Verlauf der Israelreise kommt es immer wieder zu Gelegenheiten, bei denen Adenauer die Situation Israels und Deutschlands zum Anlass nimmt, Vergleiche anzustellen und Empfehlungen auszusprechen. Das betrifft nicht nur die Vergangenheit und die Zahl der Opfer auf beiden Seiten, sondern auch die Gegenwart. So empfiehlt er den Deutschen, die Mitte der 1960er Jahre schon wohlstandssatt sind, sich beim Wiederaufbau ihrer Wirtschaft und ihres Staates an der Disziplin und Opferbereitschaft der Israelis ein Beispiel zu nehmen:

[W]ir können von Israel […] viel, sogar sehr viel lernen. Vor allem kann man dort sehen, wie ein Volk leben muß, dessen Freiheit und physische Existenz ständig in Gefahr sind, das unter dem unaufhörlichen seelischen Druck von Gewaltdrohungen feindlicher Nachbarn steht und trotz dieser bedrängten Lage einen funktionierenden Staat und eine lebensfähige Wirtschaft aufzubauen hat. Ein solches Volk muß in seinen Zielen einig sein, es muß strenge Disziplin halten, es muß hart arbeiten und auf vieles an Konsum und Komfort verzichten; es muß bereit sein, auch für lange Zeit große Opfer zu bringen, und es muß eine große Liebe für sein Land und für die gemeinsame Sache haben. All das erlebt man auf Schritt und Tritt in Israel.[97]

Umgekehrt erteilt er den Israelis den Rat, in der „wundervollen Aufgabe“, Israel aufzubauen, „Trost zu erblicken für das, was Ihnen angetan worden ist“.[98] Offenbar orientiert er sich dabei an der deutschen Erfahrung, wonach sich eine belastende Vergangenheit leichter bewältigen lässt, wenn man sich auf den Wiederaufbau konzentriert.

Adenauers letzte große Reise nimmt im Kontext seiner Vergangenheitspolitik einen zentralen Platz ein. Sie vermittelt ihm den Eindruck, dass es für eine Aussöhnung zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volk vielleicht noch zu früh ist, dass sich Deutschland jedoch von dem Druck, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, entlasten kann, wenn es sich Israel annähert. Schon früh ist bei ihm die „Auslagerung“ der Vergangenheitsbewältigung auf die Ebene zwischenstaatlicher Beziehungen erkennbar geworden. Als er in seiner ersten Regierungserklärung, in der der Holocaust mit keinem Wort erwähnt wird, ein Ende der Entnazifizierung fordert, erklärt er kurz darauf gegenüber der Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland seine Bereitschaft, Wiedergutmachung zu leisten. In Israel nun scheint er mit seiner Haltung Zustimmung zu finden, als der israelische Außenminister Abba die Stärkung Israels als „the most efficient way, the way of logic and morality“[99] bezeichnet, um der deutschen Verantwortung gegenüber den Juden gerecht zu werden. Doch Adenauer erkennt nicht, dass dies mit dem Schlussstrich, den er sich wünscht, nichts zu tun hat.

 

Schluss

Das Geschichtsbild, das in Adenauers Äußerungen über die NS-Zeit sichtbar wird, und das Bild von „den Deutschen“, das Adenauer vor diesem Hintergrund zeichnet, kommt in der knappen Formel zum Ausdruck, die Untaten des NS-Regimes seien „nicht von Deutschen, aber im deutschen Namen“ begangen worden. Sie besagt, die Deutschen seien für sie nicht verantwortlich und die Nazi-Herrschaft habe keinen Rückhalt im deutschen Volk gehabt, sondern sei usurpiert worden. In den wenigen Worten verdichtet sich der inhaltliche Kern einer historischen Erzählung, die lange Zeit in der westdeutschen Politik Konsens war und dem Wunsch der meisten Deutschen, die NS-Zeit hinter sich zu lassen, entgegenkam.[100] Die Funktion dieses Narrativs besteht darin, den Nationalsozialismus von der deutschen Geschichte abzuspalten und den Vorwurf der politisch-moralischen Mitschuld des deutschen Volkes an den Verbrechen der Naziherrschaft abzuwehren. Die politische Intention, die dem Narrativ zugrunde liegt, ist es, das deutsche Ansehen, wie Adenauer immer wieder betont, wiederherzustellen.

So konsistent das Narrativ in sich gefügt ist, so sehr unterliegt es doch bestimmten Wandlungen und unterschiedlichen Akzentsetzungen. In den ersten Jahren nach Kriegsende ringt Adenauer noch mit der Schuldfrage und versucht, ein Narrativ „jenseits der Schuld“ zu etablieren. Er betont zum einen, dass auch die Deutschen Opfer von Verfolgung, Krieg und Vertreibung seien. Zum anderen differenziert er zwischen den „wirklich Schuldigen“, die er 1945 noch mit der religiösen Vokabel „die Fluchwürdigen“ belegt, und der breiten Mehrheit derer, die aus Unkenntnis oder gefangen in einem vermeintlichen Befehlsnotstand oder aus „Liebe zum Vaterland“ zwar gefehlt haben, aber doch nicht wirklich schuldig geworden sind.

Bereits die erste Amtszeit Adenauers als Kanzler ist geprägt von seiner Absicht, die Vergangenheit „zum Abschluss zu bringen“, nach innen indem er die Vergangenheit aus der öffentlichen Diskussion zu halten versucht, nach außen indem er den jüdischen Forderungen nach Wiedergutmachung nachkommt. Während er in seiner ersten Regierungserklärung den Mord an den Juden mit Schweigen übergeht, betont er kurze Zeit drauf die moralische Verpflichtung Deutschlands, mit den Opfern zu einem Ausgleich zu kommen.

Zunächst scheint Adenauers Narrativ nicht auf Widerspruch zu stoßen. Doch spätestens mit den massenhaften antisemitischen Übergriffen 1959/60 wird er von der Vergangenheit wieder eingeholt. Er reagiert darauf mit der Leugnung immer noch weit verbreiteter antisemitischer Einstellungen in der deutschen Bevölkerung und der Behauptung, in Deutschland habe der Nationalsozialismus keine Wurzeln, weder in der Gegenwart noch habe er sie in der Vergangenheit gehabt. Noch stärker jedoch wird Adenauers Geschichtsbild bei seinem Besuch in Israel 1966 herausgefordert. Als der israelische Ministerpräsident erklärt, der Holocaust könne nicht vergessen werden, sieht Adenauer sein Lebenswerk in Zweifel gezogen und erklärt, der Nationalsozialismus habe so viele Deutsche wie Juden getötet. Seine Worte sind nicht nur Ausdruck seiner Kränkung über die vermeintliche Zurückweisung seiner Bemühungen, sondern gleichzeitig das Ergebnis einer Verengung und Erstarrung seines eigenen historischen Narrativs, in dem immer mehr das Wissen um die deutsche Schuld verblasst und der Versuch in den Vordergrund rückt, die Bundesrepublik als ein Land ohne beschämende Vergangenheit darzustellen.

Adenauers Narrativ folgt von Anfang an einem formativen Muster. Es besteht im Kern in einer immer weiter voran getriebenen Kontrastierung von binär codierten Schlüsselbegriffen und führt am Ende zu einer scharfen Gegenüberstellung von Deutschen als Opfern und Nazis als Tätern. Stellt er Anfang 1946 noch seinen unbändigen Stolz seiner tiefen Scham und damit den tapferen Wiederaufbau der vergangenen Schuld gegenüber, so ist es 1949 die Entgegensetzung von den wirklich Schuldigen und den Unschuldigen. Im Falle der Wiedergutmachung hebt er von dem Hitler-Regime die Mehrheit der Deutschen ab. Im Zusammenhang mit den antisemitischen Übergriffen stellt er den Deutschen, die empört auf die Schändungen reagieren, den Hass des Auslands „gegen die Deutschen überhaupt“ gegenüber. Adenauers Äußerungen in Israel bilden den äußersten Punkt einer Verhärtung seiner historisch-moralischen Auffassungen, insofern er nun ohne weitere Differenzierung die deutschen Opfer mit den Juden, den Opfern deutscher Verbrechen, vergleicht.

Adenauers Narrativ ist geprägt von Grundüberzeugungen, die er mitbringt, bevor er die politische Bühne nach dem Krieg erneut betritt. Zu ihnen gehört die Vorstellungen von der Ehre und Größe der Nation, die aus dem Gedankengut des Kaiserreichs stammt, sowie ein den Traditionen des Obrigkeitsstaates verhaftetes autoritäres Staatsverständnis, ferner der Katholizismus, der ihn seit seiner Kindheit geprägt hat, sowie der Antikommunismus, der wiederum das Ergebnis seiner Erfahrungen mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg ist. Die Idee der nationalen Ehre wird bei ihm immer dort relevant, wo es um das „deutsche Ansehen im Ausland“ geht. Sein autoritäres Staatsverständnis entlastet die Deutschen von ihrer Mitverantwortung für die NS-Untaten ebenso wie die Unterscheidung des katholischen Katechismus zwischen der Todsünde und der lässlichen Sünde, welche aufgrund der Unwissenheit, des Irrtums oder der Verführung des Sünders und der „Geringfügigkeit“ der Tat verzeihlich ist. Der Antikommunismus ist in Westdeutschland vor allem ein „katholisches Phänomen“. Er wird 1960 im Zusammenhang mit den antisemitischen Übergriffen in Stellung gebracht, um den seit Kriegsende verfolgten Weg der Vergangenheitsbewältigung unbeirrt fortzusetzen.

Adenauers Narrativ kann sich nach dem Krieg in der Mitte der Gesellschaft durchsetzen, weil es auf Grundüberzeugungen fußt, die Adenauer mit den Deutschen teilt. Der Kanzler und seine Wähler kommen sich auf dieser Ebene sozusagen entgegen. Gleichwohl bleibt das Narrativ das Narrativ Adenauers und damit Teil seiner von ihm betriebenen Vergangenheitspolitik, die darauf gerichtet ist, unter die Vergangenheit einen Strich zu ziehen. Auf diese Weise hat das Narrativ dazu geführt, die Einsicht breiter Teile der deutschen Bevölkerung in ihr eigenes Versagen und ihre Mitschuld an den Untaten des NS-Regimes zu verstellen und damit Demokratisierungsprozesse in der Mitte der Gesellschaft so nachhaltig blockiert, dass die Defizite heute noch spürbar sind.

 

[zuerst erschienen in: Przegląd Zachodni 3 (372) 2019: 221-248]

 

Anmerkungen:

[1] Die Ausdrücke „die Deutschen“ bzw. „das deutsche Volk“ bezeichnen in diesem Aufsatz wie bei Adenauer denjenigen Teil der deutschen Bevölkerung, der deutscher Herkunft im ethnischen Sinne ist. Auch die generalisierende Ausdrucksweise entspricht Adenauers Sprachgebrauch. Sie impliziert jedoch nicht, dass sich Adenauers Aussagen über „die Deutschen“ in jedem Fall auf alle Deutschen beziehen.

[2] Zur Stützung des Narrativs auch durch die intellektuellen, politischen und gesellschaftlichen Eliten der Zeit siehe Edgar Wolfrum, Die Bundesrepublik Deutschland 1949-1990, Stuttgart 2005, S. 218-225.

[3] Vgl. exemplarisch Helmut Dubiel, Niemand ist frei von der Geschichte. Die nationalsozialistische Herrschaft in den Debatten des Deutschen Bundestages, München/Wien, S. 42-49. Ulrich Baumgärtner, Reden nach Hitler. Theodor Heuss – Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, München 2001, insbesondere S. 119-126. Frank Stern, Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg, Gerlingen 1991, S. 299-339. Robert G. Moeller, Deutsche Opfer, Opfer der Deutschen. Kriegsgefangene, Vertriebene, NS-Verfolgte: Opferausgleich als Identitätspolitik, in: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 29-58. Phillip Gassert vertritt die These, dass es in der Adenauerzeit „kein `Verschweigen` und `Verdrängen`“ gab, meint aber, „es wurde stets auf bestimmte, wenn auch unterschiedlich eingehegte Art und Weise über den Nationalsozialismus und seine Folgen gesprochen und bestimmte Aspekte [wurden] weniger stark thematisiert“. Phillip Gassert, Zwischen „Beschweigen“ und „Bewältigen“. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Ära Adenauer, in: Michael Hochgeschwender (Hrsg.), Epoche im Widerspruch. Ideelle und kulturelle Umbrüche der Adenauerzeit (Rhöndorfer Gespräche Bd. 25), Bonn 2011, S.183-205, hier: S. 202.

[4] Als Quellenbasis besonders zu erwähnen sind die Editionen der Briefe und der Teegespräche Adenauers im Rahmen der Rhöndorfer Ausgabe, die Edition der Protokolle des CDU-Bundesparteivorstandes, die „Erinnerungen“ Adenauers, die Protokolle des Bundestages, die Bulletins des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, sowie die Sammlung der Reden Adenauers: Konrad Adenauer, Reden 1917-1967. Eine Auswahl, hg. von Hans-Peter Schwarz, Stuttgart 1975. Darüber hinaus wurden die einschlägigen Dokumente im Bundesarchiv (BArch), im Archiv des Auswärtigen Amtes (AAPD), im Archiv der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus (StBKAH) und im Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung (ACDP) ausgewertet.

[5] Vgl. Norbert Frei, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 2012; Constantin Goschler, Schuld und Schulden. Die Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte seit 1945, Göttingen 2005.

[6] Ansprache des Oberbürgermeisters Adenauer von der britischen Militärregierung ernannten Kölner Stadtverordneten-Versammlung, 1. Oktober 1945, in: Adenauer, Reden, S. 79-81, hier S. 80f. Bereits hier wird das zentrale Motiv des Narrativs Adenauers angesprochen, was sich später in der Formel ausdrückt, die Untaten seien `von Deutschen im deutschen Namen´ begangen worden und die Deutschen seien Opfer einer Schändung ihres Namens geworden.­­

[7] Ebenda.

[8] Als lässlich gelten nach katholischer Lehre unter anderem Sünden, die aus fehlendem Unrechtsbewusstsein oder unter Zwang begangen wurden oder in sich geringfügig sind. Siehe Michael Waldmann, Art. Sünde, in: Lexikon für Theologie und Kirche, hrsg. von Michael Buchberger, zweite, neubearbeitete Auflage des kirchlichen Handlexikons, Bd. 9, Freiburg i. Br. 1937, Spalte 895–905, hier 898f. Die Vergebung lässlicher Sünden kann durch bestimmte Übungen wie Fasten, Almosen und Gebet erlangt werden. Sie bedarf nicht einmal einer Beichte. Siehe Beatrice, Pier Franco: Art. Sünde, V. Alte Kirche, in: Theologische Realenzyklopädie, hrsg. von Gerhard Müller, Band XXXII, Berlin / New York, 2001, S. 389–395, hier S. 390.  Zur Rolle des Katholizismus in der Nachkriegszeit und der frühen Bundesrepublik vgl. Siegfried Weichlein, Antikommunismus im westdeutschen Katholizismus, in: Norbert Frei und Dominik Rigoll (Hrsg.), Der Antikommunismus in seiner Epoche. Weltanschauung und Politik in Deutschland, Europa und den USA, Göttingen 2017, S. 124-138.

[9] Vgl. Knud von Harbou, Als Deutschland seine Seele retten wollte. Die Süddeutsche Zeitung in den Gründerjahren nach 1945, München 2015, S. 75-77, 80-82. Grundlegend: Heidrun Kämper, Der Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit. Ein Beitrag zur Geschichte des sprachlichen Umbruchs nach 1945, Berlin, New York 2005, S. 138-179 und 277-379.

[10] Schon vor Kriegsende war Adenauer gut über Nazi-Verbrechen informiert, da er während der NS-Zeit regelmäßig die Nachrichten ausländischer Sender hörte und gute Kontakte zu ausländischen Freunden, zu Politikern der Weimarer Parteien           und vor allem zur katholischen Kirche unterhielt. Die wichtigsten ausländischen Kontakte während des Krieges waren der Schweizer Generalkonsul in Köln Franz-Rudolf von Weiss und der niederländische Kaufmann Wim J. Schmitz. Vgl. Adenauer im Dritten Reich, bearbeitet von Hans-Peter Mensing, Berlin 1991, S. 647; Adenauer, Teegespräche 1955-1958, bearbeitet von Hanns Jürgen Küsters, Berlin 1986, S. 295-297; Adenauer, Teegespräche 1959-1961, bearbeitet von Hanns Jürgen Küsters, Berlin 1988, S. 500. Vgl. dazu auch Hans-Peter Schwarz, Adenauer. Bd. 1: Der Aufstieg. 1986-1952, München 1994, S. 407 und 437. Es ist davon auszugehen, dass die regelmäßige Berichterstattung in den Printmedien und die täglichen Rundfunkberichte über den Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozess dieses Wissen noch einmal deutlich erweiterte.

[11] Dies wird bestätigt von Rudolf Morsey am 8.5.2018 in einer Mail an den Verfasser.

[12] Adenauer an Pastor Dr. Bernhard Custodis. 23. Februar 1946, in: Konrad Adenauer, Briefe 1945-1947, bearbeitet von Hans-Peter Mensing, Berlin 1983, S. 172-173, hier: S. 172.

[13] Ebenda S.173.

[14] Ebenda.

[15] Baumgärtner spricht mit Blick auf die drei Texte von einem „Oszillieren“ Adenauers „zwischen Schuldakzeptanz und Schuldabwehr“. Baumgärtner, Reden nach Hitler, S. 123 und 125. Dieses Urteil ist die Folge eines zu engen Untersuchungszeitraums, in dem die Entwicklungstendenz des Vergangenheitsnarrativs Adenauers nicht hinreichend sichtbar wird.

[16] Grundsatzrede des 1. Vorsitzenden der Christlich-Demokratischen Union für die Britische Zone in der Aula der Kölner Universität, 24. März 1946, in: Adenauer, Reden, S. 82-106, hier S. 83.

[17] Ebenda S. 84. Wie wichtig Adenauer strenge Disziplin, Opferbereitschaft und harte Arbeit sind, wird er auch im Zusammenhang mit seiner Israel-Reise 1966 betonen. Siehe Kapitel 5.

[18] Ebenda.

[19] Adenauer sagt vor dem CDU-Bundesvorstand am 11. Oktober 1954 mit Blick auf den bevorstehenden Abschluss der Pariser Verträge, die der Bundesrepublik die weitgehende Souveränität zurückbrachten: „Wir haben dann auch den Status wieder errungen, den eine Großmacht haben muß. Wir können dann mit Fug und Recht sagen, daß wir wieder eine Großmacht geworden sind. […] wir haben das Ziel, das wir uns gesetzt haben, sehr bald erreicht.“ Adenauer: „Wir haben wirklich etwas geschaffen.“ Die Protokolle des CDU-Bundesvorstands 1953-1957, bearbeitet von Günter Buchstab, Düsseldorf 1990, S. 258. Zur Politik des Wiederaufstiegs als gleichberechtigter Macht in Verbund des Westens siehe: Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Bd. 2. Deutsche Geschichte vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung, München 2000, S.166.

[20] Adenauer versteht unter „Juden“ eine in ethnischer, religiöser und – besonders seit der NS-Zeit auch mit Blick auf ihr Verfolgungsschicksal ­– geschichtlicher Hinsicht eigene Gruppe von – aus deutscher Perspektive – Anderen. Im Zusammenhang mit der Wiedergutmachung bezeichnet der Begriff bei ihm die Gesamtheit der Juden, wie sie vom Staat Israel und von der Jewish Claims Conference repräsentiert wird.

[21] Erste Regierungserklärung von Bundeskanzler Adenauer, 20. September 1949, in: Adenauer, Reden, S. 153-169, hier S. 163.

[22] Ebenda. Norbert Frei betont, die Bundesregierung habe den Eindruck vermittelt, das Gesetz beschränke sich auf die „Jahre des Übergangs und Jahre der wirtschaftlichen Erschütterung“. Sie habe dabei verschleiert, „dass es zu einem ganz wesentlichen Teil um Straffreiheit für NS-Täter ging“ und nichts Eiligeres zu tun gehabt, „als einem Heer von kleinen und nicht so kleinen NS-Straftätern Erleichterung zu verschaffen“. Frei, Vergangenheitspolitik, S. 37-39. Mit dem Gesetz wurden in insgesamt ungefähr 800.000 Fällen Freiheitsstrafen bis zu sechs Monaten amnestiert, anhängige Verfahren eingestellt und Gefängnisstrafen bis zu einem Jahr erlassen. Vermutlich Zehntausende von nationalsozialistischen Tätern gehörten zu den Begünstigten, darunter auch solche, die an den Novemberpogromen 1938 beteiligt waren. Die Amnestie habe jene „`Schlussstrich´-Mentalität“ bestätigt, „die in Teilen der deutschen Nachkriegsgesellschaft bereits ab 1946/47 entstanden und weiter im Wachsen war“. Sie sei der „Einstieg in eine rasch fortschreitende Delegitimierung der Verfolgung von NS-Straftaten [gewesen] – und in ständig weiter ausgreifende Amnestieforderungen bis hin zum unverblümten Ruf nach einer selbst schwerste Kriegsverbrecher einschließenden `Generalamnestie´“. Ebenda S. 53.

[23] Adenauer selbst hat an solchen Entlastungen mitgewirkt. 1948 schreibt er an eine Entnazifizierungsstelle über einen Beamten, mit dem er nur bis 1933 in dienstlichem Kontakt stand, über dessen Verhalten nach 1933 er jedoch nichts wusste: „Herr Kühn war ein sehr  tüchtiger Beamter und ein ausgezeichneter Charakter. Ich habe ihn in bester Erinnerung. Ich kann mir nicht denken, daß Herr Kühn in der nationalsozialistischen Zeit irgendwie sich belastet hat.“ Bescheinigung für Dr. Walter Kühn, Berlin Steglitz, 22. April 1948, in: Adenauer, Briefe 1947-1949, bearbeitet von Hans-Peter Mensing, Berlin 1984, S. 217.

[24] So Adenauer in einem Gespräch mit dem US-Journalisten Liddell Hart am 9. Juni 1952, in: Adenauer, Teegespräche 1950-1954, bearbeitet von Hanns Jürgen Küsters, Berlin 1984, 315-320, hier S. 316. Vgl. dazu Frei, Vergangenheitspolitik, S. 256f.

[25] Illustrieren kann man diese Kategorie an der Figur des Bundesministers und ehemaligen NS-Ostforschers Theodor Oberländer, dem Adenauer vor dem CDU-Bundesparteivorstand am 26.4.1960 attestierte, trotz seiner „tiefbraunen“ Gesinnung nicht seine „Ehre“ verloren zu haben, mit anderen Worten: anständig geblieben zu sein, obwohl er den Nazis als Wissenschaftler zugearbeitet hatte. Siehe Adenauer, „…um den Frieden zu gewinnen“. Die Protokolle des CDU-Bundesvorstands 1957-1961, bearbeitet von Günter Buchstab, Düsseldorf 1994, S. 660.

[26] Helmut Dubiel spricht mit Blick auf die Regierungserklärung von „wenig Nachdenklichkeit“. „Wenn in [die] Erwähnung der Vergangenheit überhaupt eine moralische Bewertung einfließt, ist sie nicht etwa selbstkritisch gegen die Deutschen gerichtet…“. Dubiel, Niemand ist frei von der Geschichte, S. 42f.

[27] Erste Regierungserklärung von Bundeskanzler Adenauer, S. 163f.

[28] Zu den Persönlichkeiten, von denen Adenauer hier spricht, dürften Otto Ernst Remer, führendes Mitglied der Deutschen Reichspartei, sowie an Werner Naumann und die Angehörigen des „Gauleiter-Kreises“ gehört haben, beide NSDAP-Funktionäre bzw. SS- und Wehrmachtsoffiziere, erklärte Nationalsozialisten und Antisemiten, die nach dem Krieg die nationalsozialistische Bewegung wiederzubeleben versuchten. Über Remer und Naumann sowie ihre Bestrebungen und den Umgang der Bundesregierung mit diesen „Persönlichkeiten“ siehe Frei, Vergangenheitspolitik, S. 326-396.

[29] Es bleibt unklar, auf welche Presseberichterstattung sich Adenauer hier im Einzelnen bezieht.

[30] Werner Bergmann, Rainer Erb, Wie antisemitisch sind die Deutschen? Meinungsumfragen 1945-1994, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Antisemitismus in Deutschland. Zur Aktualität eines Vorurteils, München 1995, S. 47-63, hier S. 50f.

[31] Schon in seiner Grundsatzrede in der Aula der Kölner Universität am 24. März 1946 kommt weder das Wort „Jude“ noch der Begriff „Antisemitismus“ vor.

[32] Adenauer am 13.1.1951 bei einer Ansprache vor Vertretern der Kreisparteien der CDU von Rheinland und Westfalen, in: Adenauer, Reden, S. 216. Dass es damals für einen Politiker möglich war, sich in öffentlicher Rede auch ganz anders zur deutschen Vergangenheit zu verhalten, zeigt die Ansprache von Bundespräsident Theodor Heuss am 30. November 1952 aus Anlass der Einweihung des Mahnmals für die Opfer des KZ Bergen-Belsen. Mit schonungsloser Offenheit sprach er von den Verbrechen und wandte sich gegen die Versuche der Beschönigung und des Vergessens mit den Worten: „Wir  h a b e n  von den Dingen gewusst.“ Theodor Heuss, “Diese Scham nimmt uns niemand ab,” Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung 189, 2. Dezember 1952, S. 1655-1656, hier. S. 1655f.

[33] Erste Regierungserklärung von Bundeskanzler Adenauer, S. 166. Adenauer verwendet hier ein Wort Churchills.

[34] Erklärung der Bundesregierung, Deutscher Bundestag, 1. Wahlperiode, 18. Sitzung. Bonn, den 24. und 25. November 1949, S. 472-476, hier S. 476.

[35] Moeller schreibt: “Acknowledgement of their losses unified West Germans; it became central to defining the Federal Republic as a nation of victims.“ Robert G. Moeller, War Stories. The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany, Berkeley, Los Angeles, London 2001, S. 22.

[36] Vgl. Kristina Mayer, Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945-1990, Göttingen 2015, S. 112f.

[37] Aussprache über die Erklärung der Bundesregierung, Deutscher Bundestag, 1. Wahlperiode, 6. Sitzung, Bonn, Mittwoch, den 21. September 1949, S. 31-56, hier S. 36. Dubiel nennt es einen „denkwürdigen“ bzw. „eigentümlichen“ Gedanken, „dass gerade die `deutsche Ehre´ den angemessenen Rahmen für eine Schuldreflexion der Deutschen abgeben könnte.“ Dubiel, Niemand ist frei von der Geschichte, S. 44.

[38] Aussprache über die Erklärung der Bundesregierung, S. 37.  Im Gespräch zwischen Adenauer und Ben Gurion am 14.3.1960 stellt Adenauer zwar enge Parallelen zwischen dem deutschen und dem israelischen „Wiederaufbau“ fest, geht aber nicht so weit, zu behaupten, die ermordeten Juden fehlten beim deutschen Wiederaufbau. Unterredung zwischen Adenauer und Ben Gurion am 14. März 1960 im Waldorf Astoria Hotel in New York, S. 2f., in: StBKAH III, 88. Vgl. auch Adenauers Äußerung in seiner Erklärung „Mein Verhältnis zum jüdischen Volke“, in: StBKAH I/02.37.

[39] Erklärung der Bundesregierung (Haltung der Bundesrepublik gegenüber den Juden), Deutscher Bundestag, 1. Wahlperiode, 165. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 27. September 1951, S. 6697-6700, hier: S. 6698.

[40] Erste Beratung des Entwurfs eines Gesetzes über das Abkommen vom 10. September 1952 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staate Israel, Deutscher Bundestag, 1. Wahlperiode, 252. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 4. März 1953. S. 12092-12096, hier: S. 12092.

[41] Bekenntnis zur Verpflichtung. Interview der „Allgemeinen“ mit Bundeskanzler Dr. Adenauer von Karl Marx, in: Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland, Düsseldorf, 25. November 1949, S. 1 (4. Jahrgang, Nummer 33).

[42] Bekenntnis zur Verpflichtung, S. 1. Adenauer hatte die Bitte von Marx um ein Interview mehrfach abgelehnt. Vgl. Yeshayahu A. Jelinek, Political Acumen, Altruism, Foreign Pressure or Moral Debt – Konrad Adenauer and the `Shilumin´, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, Bd. XIX (1990), S. 77-102, hier S. 80.

[43] Jelinek, Political Acumen, S. 80. Selbst Bundespräsident Heuss wendet sich „mit besonderer Vehemenz“ gegen das Angebot Adenauers, da der „schreckliche Eindruck“ entstehen müsse, dass wir „die Blutschuld an 6 Millionen ermordeten Juden durch die Zuwendung von 10 Millionen DMark abloesen wollen“. Zitiert nach Yeshayahu A. Jelinek (Hrsg.), Zwischen Moral und Realpolitik. Deutsch-israelische Beziehungen 1945-1965. Eine Dokumentensammlung, Göttingen 1997, S. 137.

[44] Jelinek, Political Acumen, S. 81.

[45] Marx an Bundesjustizminister Dehler am 11.11.1950, in BArch B 136/5862.

[46] Vgl. Jelinek, Zwischen Moral und Realpolitik, S. 16-18; Jelinek, Political Acumen, S. 79-82. In seiner Rede vor dem Bundesparteiausschuss der CDU sagt Adenauer im Zusammenhang mit dem Abschluss des Wiedergutmachungsabkommens 1952: „Mir ist seinerzeit […] von einer sehr maßgebenden amerikanischen Stelle gesagt worden: Wenn es der Bundesregierung gelingt, zu diesem Ausgleich mit Israel zu kommen […], dann ist das für die Bundesrepublik Deutschland ein politisches Ereignis, das in die gleiche Reihe gestellt werden kann mit dem Deutschlandvertrag und dem Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft.“ Ansprache vor dem Bundesparteiausschuss der CDU in Bonn (Bundeshaus), 6. September 1952, in: Adenauer, Reden, S. 263-280, hier S. 267.

[47] Erklärung der Bundesregierung (Haltung der Bundesrepublik gegenüber den Juden), S. 6697-6698. Die Erklärung lese sich, so der jüdische Historiker Frank Stern, „in all ihrer Kühle und Nichtbetroffenheit […] wie eine Pflichtübung, eine Reaktion auf außenpolitische Erfordernisse […]. Nicht etwa Schuld- oder Verantwortungsbewußtsein, antisemitische Vorkommnisse und nationalistische Tendenzen bilden den Auftakt der Erklärung, sondern außenpolitische Erwägungen.“ Stern, Im Anfang war Auschwitz, S. 325.

[48] Erklärung der Bundesregierung (Haltung der Bundesrepublik gegenüber den Juden), S. 6698.

[49] Moeller, Deutsche Opfer, S.36.

[50] Stern, Im Anfang war Auschwitz, S. 326.

[51] Das Institut für Demoskopie stellt für 1952 folgende Werte fest: „demonstrativ antisemitisch“ 34%, „gefühlsmäßig ablehnend“ 34%, „reserviert“ 18%. Siehe Bergmann, Erb, Wie antisemitisch sind die Deutschen? S. 51.

[52] Zu den Verhandlungen mit Israel grundlegend: Kai von Jena, Versöhnung mit Israel? Die deutsch-israelischen Verhandlungen bis zum Wiedergutmachungsabkommen von 1952, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 34. Jg. (1986), Heft 4, S. 457-480. Vgl. auch Jelinek, Zwischen Moral und Realpolitik, S. 15-36.

[53] Adenauer geht keineswegs von einer moralischen zwingenden Notwendigkeit aus, die Zusagen an Goldmann einzuhalten. Aus Sorge um den deutschen Haushalt und die deutschen Auslandsschulden versucht er, die Verhandlungen zu verschleppen und die israelischen Forderungen zu drücken. Seine Unterhändler ermahnt er, sie müssten aufpassen, „dass die israelischen Vertreter uns nicht ´beschwindelten`“. Es handle sich gar nicht um eine Entschädigung, sondern „um ein Zeichen der Versöhnung.“ Niels Hansen, Aus dem Schatten der Katastrophe. Die deutsch-israelischen Beziehungen in der Ära Konrad Adenauer und David Ben Gurion. Düsseldorf 2002, S. 180.

[54] Über Adenauers Haltung siehe Jena, Versöhnung, S. 466-477. Adenauer argumentierte, dass gerade „ein Scheitern der Wiedergutmachungsverhandlungen […] dem Kredit Deutschlands in der Welt empfindlich schaden und dadurch die gefürchtete Schrumpfung der Wirtschaft zu Folge haben“ werde. Ebenda, S. 473. Vgl. auch 228. Kabinettsitzung am 17.6.1952 TOP C (`Kabinettsprotokolle` der Bundesregierung online).

[55] Ansprache vor dem Bundesparteiausschuss der CDU in Bonn, S. 266.

[56] Ebenda S. 267.

[57] Ebenda.

[58] Adenauer pflegte ganz essentialistische Vorstellungen von „dem Judentum“. So sagte er in einem SPIEGEL-Interview nach seiner Israel-Reise: Es ginge nicht nur um „Genugtuung für das, was den Juden geschehen ist. Nein: Das Weltjudentum gegen sich zu haben, das ist schrecklich.“ In: „Und das Heimweh der Leute nach Deutschland“, Interview Hermann Schreiber mit Konrad Adenauer, SPIEGEL, 21/1966 vom 16.5.1966, S. 41. Obwohl Adenauer jüdische Freunde hat und seit den 1920er Jahren mit dem Zionismus sympathisiert, teilt er doch zahlreiche antisemitische Stereotype mit den meisten Deutschen. Er betrachtet Juden als reich, mächtig und betrügerisch. Jelinek schreibt: „Adenauer was not completely free of a certain modicum of racial prejudice toward Jews.“ Jelinek, Political Acumen, S. 96. Zum Antisemitismus Adenauers allgemein siehe Hansen, Schatten, S. 241-245.

[59] Dabei wird deutlich, wie unterschiedlich beide Seiten den Vorgang deuten. Während Adenauer in seinem vorbereiteten Text das Abkommen als „Werk des Friedens und der Friedensstiftung“ apostrophiert, erinnert der israelische Außenminister Sharett bei aller Anerkennung für diesen Schritt, den Deutschland in Erkenntnis seiner Verantwortung gegangen ist, an den beispiellosen „Vernichtungsfeldzug“ gegen das jüdische Volk, für den „kaum eine Sühne denkbar“ ist und der eine „furchtbare Wunde“ hinterlassen habe, die noch offen sei. Jelinek, Zwischen Moral und Realpolitik, S. 205 f. Adenauer lehnt daraufhin ab, sich die Rede Sharetts anzuhören: Sie sei, so berichtet Blankenhorn, „alttestamentarisch“. Zitiert nach Michael Wolffsohn, Globalentschädigung für Israel und die Juden? Adenauer und die Opposition in der Bundesregierung, in: Ludolf Herbst und Constatin Goschler (Hrsg.), Wiedergutmachung in der Bundesrepublik Deutschland, München 1989, S. 161-190, hier S. 190.

[60] Erste Beratung des Entwurfs eines Gesetzes über das Abkommen vom 10. September 1952, S. 12092.

[61] Protokoll der Sondersitzung des Bundeskabinetts am 6. Januar 1960, in: BArch B136/36292.

[62] Presse- und Informationsamt der Bundesregierung an BM der Justiz, 3. Februar 1960, Anlage, in: BArch B 141/3179.

[63] Auswärtiges Amt an alle diplomatischen und berufskonsularischen Auslandsvertretungen, 10. März 1960, in: BArch B 136/4369.

[64] „Im deutschen Volk hat der Nationalsozialismus keine Wurzel“. Erklärung im Fernsehen zur Schändung der Synagoge in Köln, in: Adenauer, Reden, S. 409-410, hier S. 410.

[65] Ebenda, S. 409.

[66] Ebenda.

[67] Ebenda, S. 409f.

[68] Zum Versuch der Bundesregierung die Schmierereien als Taten jugendlicher Rowdys zu bagatellisieren oder sie auf „kommunistische Drahtzieher“ hinzustellen vgl. Shida Kiani, Zum politischen Umgang mit Antisemitismus in der Bundesrepublik. Die Schmierwelle im Wintern 1959/1960, in: Stephan A. Glienke, Volker Paulmann, Joachim Perels (Hrsg.), Erfolgsgeschichte Bundesrepublik. Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus, Göttingen 2006, S. 115-145, hier S. 124-130 (Rowdytum) und S. 116-124 (kommunistische Drahtzieher).

[69] Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen Bundeskanzler Adenauer und dem französischem Außenminister Couve de Murville am 6. Januar 1960 in Bonn, in: StBKAH, III/88. Im Weißbuch der Bundesregierung vom Februar 1960 ist von einer skrupellosen „Kampagne“ von kommunistischer Seite die Rede. Die SED habe beschlossen, in mehreren Städten der BRD „durch Aktionskommandos […] jüdische Kultstätten mit nazistischen Emblemen zu verunglimpfen.“ Bundesregierung (Hrsg.), Die antisemitischen und nazistischen Vorfälle. Weißbuch und Erklärung der Bundesregierung, Bonn 1960, S. 52 und 54. Adenauer hatte auch schon früher argumentiert, antisemitische Vorfälle seien von kommunistischer Seite gesteuert, so etwa am 17. März 1959 in einem Informationsgespräch mit Walter Lippmann und Helen Byrne Lippmann, wahrscheinlich in Anspielung auf die Schändung der Düsseldorfer Synagoge im Januar 1959.  Vgl. Adenauer, Teegespräche 1959-1961, S. 31.

[70] Vgl. Nahum Goldmann, Staatsmann ohne Staat. Autobiographie, Köln/Berlin 1970, S. 348f.

[71] Konrad Adenauer, „Das jetzige Deutschland achtet alle Rassen und Völker“, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 4. Februar 1960, Nr. 23, S. 213.

[72] Ebenda.

[73] Erklärung der Bundesregierung über die antisemitischen Vorfälle, Deutscher Bundestag, 3. Wahlperiode, 103 Sitzung, Bonn, den 18. Februar 1960, S. 5575-5582, hier S. 5581f.

[74] Ebenda S. 5582.

[75] Ebenda S. 5584f.

[76] Ebenda S. 5585f.

[77] Ebenda S. 5583.

[78] Ebenda. Hervorhebung im Original.

[79] An Schmids Äußerungen wird deutlich, dass Adenauer ein fundamental anderes Demokratieverständnis hat. Für ihn ist ein Staat dann eine Demokratie, wenn er eine demokratische Verfassung hat und die Staatsorgane fähig und bereit sind, die Einhaltung von Recht und Gesetz durchzusetzen. Er räumt zwar ein, die Normen könnten „nur wirksam werden, wenn die Gesinnung, aus der sie geboren wurden, zum Gemeingut des gesamten Volkes wird.“ Regierungserklärung zur Haltung der Bundesrepublik gegenüber den Juden, S. 6698. Aber dies schlägt sich nicht in seinem praktischen Umgang mit der NS-Vergangenheit nieder, bei dem er im Wesentlichen auf Repression setzt statt auf Öffentlichkeit und gesellschaftliche Auseinandersetzung.

[80] Erklärung der Bundesregierung über die antisemitischen Vorfälle, S. 5590.

[81] Rede David Ben Gurions beim Mittagsessen im Kibbuz Sde Boker zu Ehren seines Gastes Dr. Konrad Adenauer, 9.5.1966, in: StBKAH, I/6.52, Bl. 023. Der israelische Außenminister bezeichnet Adenauer als „one oft he most illustrious political personalities in Europe and throughout the world.“ Address by the Foreign Minister at a Luncheon in Jerusalem in Honour of Dr. Adenauer on 4 May 1966, in: StBKAH I/6,52, Bl. 017. Nahum Goldmann, der Präsident des JWC, nennt Adenauer „einen der größten Staatsmänner und Persönlichkeiten unserer Generation“. In: Rolf Vogel (Hrsg.), Der deutsch-israelische Dialog. Dokumentation eines erregenden Kapitels deutscher Außenpolitik, Teil I: Politik, Bd. 1, München, New York, London, Paris 1987, S. 307.

[82] Konrad Adenauer, Bilanz einer Reise. Deutschlands Verhältnis zu Israel, in: Konrad Adenauer, Die letzten

Lebensjahre. 1963-1967. Briefe und Aufzeichnungen, Gespräche, Interviews und Reden. Band 2, hg. von  Hans

Peter Mensing, Paderborn, Munich, Vienna, Zürich 2009, S. 240-245, hier. S. 240.

[83] Siehe Günter Gaus im Gespräch mit Konrad Adenauer. Interview gesendet am 29.12.1965 im ZDF, hier: 27:00-28:09. Aufgerufen bei youtube.com am 21.11.2017.

[84] Adenauer, Bilanz einer Reise, S. 242.

[85] Adenauer sagte gegenüber Hermann Schreiber: „Ich habe hier tiefere seelische Erschütterungen empfunden als in vielen Phasen meines früheren Lebens.“ “Und das Heimweh der Leute nach Deutschland”, S. 40.

[86] So etwa in den Akten des StBKAH I 16/52 und in der Darstellung von Vogel, deutsch-israelischer Dialog, S. 310f. Die Rede mit den fraglichen zwei Sätzen wurde schon vor dem Treffen der Presse übergeben. Strittig ist die Frage, ob Eshkol die Sätze in seiner Rede tatsächlich gebraucht hat oder sie nur gebrauchen wollte, wozu unterschiedliche Meinungen existieren: Einerseits bezeugt Anneliese Poppinga, dass Adenauer mit den Sätzen erstmals konfrontiert wurde, als Eshkol die Rede tatsächlich gehalten hat. Vgl. Hanns Jürgen Küsters (Hrsg.), Adenauer, Israel und das. Judentum. Rhöndorfer Gespräche. Band 20, Bonn 2004, S. 185f. Dies deckt sich im Wesentlichen mit Adenauers eigenen Aussagen im SPIEGEL-Interview vom 16.5.1966 und mit Nahum Goldmanns Darstellung in Goldmann, Staatsmann ohne Staat, S. 347. Eine andere Version bietet unter anderem Ari Rath, vgl. Küsters, Adenauer, Israel und das Judentum, S. 182.

[87] Hans Peter Schwarz (Hrsg.): Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1966. Bd. 1: 1. Januar bis 30. Juni 1966, München 1997, S. 588, Fußnote 9.

[88] Zitiert nach Hansen, Aus dem Schatten der Katastrophe, S. 827. Adenauer habe den deutschen Botschafter Pauls aufgefordert, die Maschine für den Rückflug zu bestellen.

[89] Vogel, deutsch-israelischer Dialog, S. 311. Dagegen Theodor Heuss in seiner Ansprache in Bergen-Belsen 1952: „[Die Völker]  w e r d e n  nie, sie  k ö n n e n  nie vergessen, was ihnen angetan wurde: die Deutschen  d ü r f e n  nicht vergessen […].“ Heuss, „diese Scham nimmt uns niemand ab!“, S. 1655.

[90] Hermann Schreiber fragt Adenauer: „Frage: Sie haben wiederholt gesagt, die Nationalsozialisten hätten ebenso viele Deutsche umgebracht wie Juden. Haben Sie mit den Deutschen Kriegsgefallene gemeint oder Opfer des Naziterrors? – Antwort: Opfer des Naziterrors! Und nicht nur bei uns, sondern in anderen Ländern auch. Nehmen Sie z.B. Russland. Wissen Sie wie viele Tote Russland, nicht nur in den Schlachten, gehabt hat? 15 Millionen Tote. […] – Frage: Das sind aber Russen!? – Antwort: Russen, Polen und so weiter – und 5 Millionen Schwerverwundete. […]  Frage: Glauben Sie, dass die Israelis den Vergleich zwischen Deutschen, die die Nazis umgebracht haben, und den Juden, die die Nazis umgebracht haben, akzeptieren können? […] – Antwort: Nein, die denken natürlich nur an die Juden.“ Unkorrigiertes Manuskript, Interview Dr. Adenauer / Herr Schreiber (DER SPIEGEL), Freitag, 13. Mai 1966, 11 Uhr im Bundeshaus, in: StBKAH I/ 02.37. Erschienen als SPIEGEL-Interview vom 16.5.1966.

[91] Adenauer, Bilanz einer Reise, S. 242.

[92] Verschiedentlich sprachen auch israelische Politiker von Versöhnung oder Aussöhnung, allerdings ohne die Implikationen, die der Begriff bei Adenauer hatte. Ihnen ging es mehr um eine Annäherung als um eine Wiederherstellung im Grunde unzerstörter Beziehungen. Vgl. Hansen, Aus dem Schatten der Katastrophe, S. 60, 69 f. und 266.

[93] Ebd. S. 180, vgl. auch S. 123, 266 und 829.

[94] Vogel, deutsch-israelischer Dialog, S. 308.

[95] Unkorrigiertes Manuskript, Interview Dr. Adenauer / Herr Schreiber. Der israelische Major war zur Begleitung Adenauers abgestellt. Adenauer ist sich durchaus der Problematik des Versöhnungsbegriffs bewusst. Im Entwurf der „Bilanz einer Reise“ ist der Versöhnungsbegriff an vier Stellen durch Formulierungen wie „Verständnis“ und „gute menschliche Beziehungen“ ersetzt. Statt „Versöhnung mit Israel“ heißt es nüchtern „das Verhältnis unseres Landes“. Konrad Adenauer, “Bilanz einer Reise“ (Entwurf), in: ACDP 07-001-10010.

[96] Adenauer, Bilanz einer Reise, S. 240f.

[97] Ebenda. Bereits in der Unterredung mit Ben Gurion im Waldorf Astoria Hotel in New York hatte Adenauer zuvor seine große „Bewunderung“ für den „Wiederaufbau Israels“ ausgedrückt, für das, „was dort geleistet worden sei, sowie für den Mut, die Stärke und die Zielstrebigkeit.“ Unterredung zwischen Adenauer und Ben Gurion am 14. März 1960 im Waldorf Astoria Hotel in New York, S.2f.. Vgl. auch Adenauers Äußerung in seiner Erklärung „Mein Verhältnis zum jüdischen Volke“.

[98] Vogel, deutsch-israelischer Dialog, S. 312.

[99] Address by the Foreign Minister at a Luncheon in Jerusalem in Honour of Dr. Adenauer.

[100] Noch Bundeskanzler Kohl verwendet die Formulierung, die Verbrechen seien „im deutschen Namen“ geschehen. Helmut Kohl, “Ansprache im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen am 21. April 1985,” in:  Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Erinnerung, Trauer, Versöhnung. Ansprachen und Erklärungen zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes, Bonn, 1985, 13-24, hier S. 20 and 22. Dabei handelt es sich um eine Residualversion der alten Formel, mit der die entscheidende Frage, wer die Untaten beging, ausgeklammert wird. Zugleich wird an ihr deutlich, dass die größte Sorge nicht weniger Politiker dem deutschen Ruf und der Schändung des deutschen Namens galt.

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